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molekulartherapie.de
Einführung
Nach seinem Sieg am Granicus erreichte Alexander die Stadt Gordion in Kleinasien. Er besichtigte dort den bekannten Wagen, dessen Teile mit Seilen aus Bast zusammengebunden waren und deren Knoten noch niemand auflösen konnte.
Es ging die Sage, dass nämlich derjenige, der die Seile löse, dazu bestimmt sei, über ganz Asien zu herrschen. Als Alexander die Anfänge des Knotens nicht finden konnte, nahm er sein Schwert und durchtrennte ihn mit einem einzigen Hieb.
- Plutarch: Alexander -
Pluralität darf niemals ohne Notwendigkeit postuliert werden.
- Wilhelm von Ockham -
Vorbemerkungen▲
In dieser Publikation geht es um die Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Die Anzahl Betroffener steigt seit Jahren kontinuierlich, für viele gibt es dennoch keine oder nur unzureichend wirksame Behandlungsmöglichkeiten.
Die Seiten enthalten umfassende Analysen neurologisch-psychiatrischer Erkrankungen. Das komplexe Geschehen im Gehirn ‑ insbesondere auf Zellebene ‑ und viele verschiedene Interaktionen des Gehirns mit der Umwelt werden integrativ analysiert und bewertet. Das Ergebnis ist eine radikale Veränderung des Verständnisses der Ursachen von Nervenerkrankungen und ihrer Therapien. Interessierte und insbesondere persönlich von einer Erkrankung Betroffene sind eingeladen, den nachfolgenden Ausführungen zu folgen.
Die umfangreichen Inhalte sind in zehn aufeinander aufbauende Kapitel gegliedert, wobei auf die Verständlichkeit der Darstellungen geachtet wurde. Vorkenntnisse sind nützlich, aber nicht notwendig. Bei komplexen Sachverhalten erleichtern Schaubilder, Graphiken, Videos und Animationen den Überblick. Schriftarten und Formate ermöglichen eine gute Lesbarkeit sowohl am Bildschirm - am besten mit Zoomfaktor 150% - als auch auf einem Ausdruck.
Um aussagekräftige Modelle zu entwickeln, mussten komplexe Zusammenhänge zwischen vielen unterschiedlichen Akteuren analysiert werden. Für das allgemeine Verständnis sind Kenntnisse dieser Details nicht entscheidend. Seiten und Texte sind daher so strukturiert, dass Inhalte auch gezielt überlesen werden können und Querlesen bzw. partielles Lesen problemlos möglich ist.
Diese Einführungsseite enthält zunächst eine komprimierte Grobübersicht über alle Inhalte (→ Intention und ein erster Überblick), danach von allen Kapiteln Kurzfassungen, die einen leichteren Einstieg in das jeweilige Thema ermöglichen. Sprungmarken zu Beginn jeder Kapitelzusammenfassung sind mit den jeweiligen Kapiteln verknüpft und erleichtern den Zugriff auf die ausführlichen Texte.
Zusätzliche Informationen zum Herunterladen werden angeboten, ebenso Hinweise zu weiteren Textquellen und Literaturempfehlungen (→ Links & Downloads).
Ausgewählte Fachbegriffe werden nach und nach mit kurzen Erläuterungen versehen. Dazu ein Beispiel: Das Wort ist rot markiert, und durch Berühren mit dem Kursor öffnet sich ein Informationsfeld. Im separaten Glossar befinden sich ausführlichere Erklärungen hier relevanter Themen und Fachbegriffe.
Die Inhalte werden kontinuierlich erarbeitet, bearbeitet und bei Bedarf ergänzt, derzeit ist der erste Teil (Kausale Theorien) fast vollständig, die Teile II und III kommen nach und nach dazu. Das Datum der jeweils letzten Aktualisierung steht ganz unten am Ende jeder Seite:
Einführung, Kapitelübersichten - fertiggestellt, wird kontinuierlich angepasst
Kausaltheorie - fertiggestellt, wird kontinuierlich aktualisiert
Zellprozessmodell - fertiggestellt, wird kontinuierlich aktualisiert
Identifizierung und Bewertung der Zellschwachstellen - fertiggestellt, wird kontinuierlich aktualisiert
Multikausale Theorie, Teil A (Zellschwachstellen) - fertiggestellt, wird kontinuierlich aktualisiert
Multikausale Theorie, Teil B (Sonstige exogene Noxen) - in Bearbeitung
II. Kausale Therapien - in Konzeption
III. Allgemeine Theorie - in Konzeption
Links & Downloads - wird kontinuierlich ergänzt
Glossar - im Aufbau, wird kontinuierlich ergänzt
Blog - geplant
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Kompatibilität verschiedener Browser
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Microsoft Edge und Google Chrome benötigen für das Laden und Abspielen von verlinkten Videos und Animationen anderer Anbieter (zum Beispiel YouTube) allerdings viel Zeit, zudem hat Microsoft Edge mit der Darstellung korrekter Zeilenabstände Probleme. Letzteres gilt auch für Brave. Bei Nutzung des Betriebssystems Microsoft Windows wird daher die Verwendung von Mozilla Firefox empfohlen.
Intention und ein erster Überblick▲
Die Zahl der Erkrankungen des zentralen Nervensystems, beispielsweise Demenz, Morbus Parkinson oder Depression, steigt weltweit seit Jahrzehnten stetig.
Bei Demenz und Morbus Parkinson ist das zum Teil eine Folge von Fortschritten in der Behandlung infektiöser, innerer und maligner Erkrankungen. Dadurch hat sich der Altersdurchschnitt der Bevölkerung erfreulicherweise zwar erhöht, jedoch stehen dem keine ausreichend wirksamen neurologischen Behandlungsmöglichkeiten gegenüber, die gerade bei einer immer älter werdenden Bevölkerung dringend nötig wären.
Bei einer Depression, Manie und Bipolaren Erkrankung, die auch als Affektive Störungen bezeichnet werden, sieht es nicht besser aus. Deren Ursachen scheinen seit jeher unklar, ebenso die Gründe für ihr immer häufigeres Auftreten. Es fehlen Modelle, die Affekterkrankungen umfassend beschreiben und erklären. Stattdessen werden voneinander unabhängige Ursachen angenommen und zusammenfassend als multifaktorielle Ätiopathogenese bezeichnet, ohne sie in einen Gesamtzusammenhang zu stellen.
In Psychiatrie, Psychosomatik, Neurologie, Neuropathologie, Endokrinologie, Pharmazie, Genetik und Psychologie konkurrieren unterschiedliche und zum Teil widersprüchliche Ansichten über die Ursachen affektiver Erkrankungen, was die Entwicklung eines realistischen Krankheitsverständnisses verhindert.
Exkurs 1: Das 9-Punkte-Experiment als Metapher für das Lösen scheinbar unlösbarer Aufgaben
Seit dem Jahre 1963 gibt es in der Kognitionspsychologie den 9‑Punkte‑Test. Mit diesem Test wird untersucht, ob Probanden in der Lage sind, eine Lösung für auf den ersten Blick Unlösbares zu finden.
Dabei werden den Teilnehmern neun quadratisch angeordnete Punkte vorgelegt, die mit maximal vier geraden Linien verbunden werden sollen, ohne den Stift abzusetzen und ohne eine Linie doppelt zu zeichnen. Man sollte es einmal selber versuchen und sich auferlegen, die Lösung innerhalb einer festgelegten Zeit zu finden.
ABBILDUNG A: DER 9-PUNKTE-TEST
Abbildung A: Neun Punkte sollen geradlinig mit vier oder weniger Linien verbunden werden, ohne den Stift abzusetzen. Ebenfalls darf keine Linie doppelt gezeichnet werden.
Und: Nicht ärgern, wenn man nach etlichen Versuchen aufgeben muss. Kaum jemand bewältigt diese Aufgabe, und nur sehr wenige erzielen eine Lösung.
Weiter unten werden ein Lösungsweg präsentiert und Erklärungen gegeben, warum viele Versuchspersonen die gestellte Aufgabe nicht bewältigen, und was dieses Experiment mit den Themen zu tun hat, um die es auf diesen Webseiten geht.
Eine ursächliche Analyse zentralnervöser Erkrankungen
Die im Zentrum der folgenden Ausführungen stehenden kausalen Theorien schaffen die Verbindung zwischen einem allgemeinen Ursachenmodell und einem multifaktoriellen Erklärungsansatz affektiver und weiterer zentralnervöser Erkrankungen.
Verschiedene Hypothesen und Modelle werden zunächst exemplarisch am Beispiel der als Affektstörungen bezeichneten Erkrankungen Depression, Manie und der Bipolaren Störung erörtert, wobei die Depression den Schwerpunkt einnimmt. Danach wird untersucht, ob die gewonnenen Erkenntnisse auch auf andere Nervenerkrankungen, beispielsweise Morbus Parkinson, Demenz, Schizophrenie oder Epilepsie, übertragen werden können.
Ein allgemeines Kausalmodell beschreibt einen degenerativen Veränderungsprozess des Gehirns. Modellbestandteile sind ein System von vernetzten Nerven- und Gliazellen sowie funktionell abgegrenzte Hirnareale. Zellprozessstörungen innerhalb dieses Systems sind das Ergebnis eines dreistufigen Degenerationsprozesses (3‑Stufen‑Modell) und führen in affektrelevanten Hirnarealen zu Reizverarbeitungsproblemen, aus denen wiederum affektive Erkrankungen resultieren.
Das ergänzende multikausale Modell zeigt, auf welche unterschiedlichen Weisen die in der Kausaltheorie beschriebenen Veränderungen verursacht werden können, beispielsweise durch Mangel oder Mängel bestimmter zellwichtiger Substanzen, die als Kausalfaktoren bezeichnet werden, durch schädigende Einflüsse exogener Noxen oder durch eine Kombination beider Varianten.
Gemeinsam liefern die Modelle plausible Erklärungen der multifaktoriellen Ätiopathogenese, nach der Affektstörungen auf einem multifaktoriellen Geschehen beruhen.
Durch dieses Vorgehen wird der Irrweg vermieden, die Ursachen neurologisch-psychiatrischer Erkrankungen auf einzelne Zellprozesse, wenige Substanzen oder rein psychologische Zusammenhänge zu reduzieren. Darüber hinaus ermöglichen die Modelle, kausale Therapiestrategien zu diskutieren.
Somatiker versus Psychiker
In der Mitte des 19. Jahrhunderts entstand die Zelltheorie. Der Berliner Arzt Rudolf Virchow (1821 ‑ 1902) veröffentlichte 1858 seine Zellpathologielehre. Damals fing man an zu verstehen, dass die Leistungen eines Organs und des gesamten Körpers auf den Leistungen der Zellen und deren Zusammenarbeit beruhen. Rudolf Virchow zog daraus den richtigen Schluss, Krankheiten als unmittelbare Folgen von Zellstörungen zu betrachten.
Diese grundlegenden Zusammenhänge werden vor allem in der Psychiatrie auch noch heutzutage nur unzureichend gewürdigt. Denn trotz der Arbeit von Ärzten wie Jean‑Martin Charcot (1825 ‑ 1893), der schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als einflussreicher Neurologe am Pariser Hôpital de la Salpêtrière nach hirnorganischen oder anderen physischen Ursachen psychiatrischer Erkrankungen suchte und von der Möglichkeit physiologischer Veränderungen bzw. Läsionen im Gehirn überzeugt war, wurden seit Ende des 19. Jahrhunderts klassische psychoanalytische, später komplexere tiefen- und verhaltenspsychologische Modelle (Erlernte Hilflosigkeit, Verstärker-Verlust-Theorie nach Lewinsohn, Kognitive Theorie von A. T. Beck etc.) oder sozialwissenschaftliche Modelle zur Erklärung der Ursachen affektiver und anderer psychiatrischer Erkrankungen entwickelt, ohne diese in einen Bezug zu organischen Aspekten des Gehirns zu setzen.
An dieser Entwicklung ist der bis heute einflussreiche österreichische Psychiater Sigmund Freud (1856 ‑ 1939) nicht unschuldig, da er sich im Laufe seiner wissenschaftlichen Karriere immer weiter von dem Gedanken einer neurologischen Basis psychiatrischer Erkrankungen entfernte. Am Beginn seiner Laufbahn wurde Freud sowohl von Charcot als auch von dem aus Sachsen stammenden Psychiater und Neuropathologen Theodor Meynert (1833 ‑ 1892) beeinflusst. Meynert war ein weiterer Vertreter derjenigen Nervenärzte, die Verbindungen zwischen dem Gehirn als Organ und psychiatrischen Erkrankungen annahmen. Der Titel seines bekanntesten Werks aus dem Jahr 1884 weist den Weg: „Psychiatrie. Klinik der Erkrankungen des Vorderhirns“.
Ein Jahr vor Erscheinen von Meynerts Buchs ‑ 1883 ‑ behauptete Freud im Gegensatz dazu, dass es keine organischen Erklärungen der Hysterie gebe, „dass die Schädigungen der hysterischen Lähmungen vollkommen unabhängig von der Anatomie des Nervensystems sein müssen, da sich die Hysterie in ihren Lähmungen und anderen Manifestationen verhält, als gäbe es die Anatomie nicht und als hätte sie keinerlei Kenntnis von ihr." (Quellen: Sigmund Freud, Gesammelte Werke, London 1952; Oliver Sacks, Der Strom des Bewusstseins, Rowohlt Verlag, Reinbek 2017). Nach Freud handelt es sich bei psychiatrischen Erkrankungen um nicht organisch bedingte Störungen von „Seele und Geist".
Aber nicht nur Jean-Martin Charcot oder Theodor Meynert waren von einer neurologischen Grundlage psychiatrischer Erkrankungen überzeugt, es gibt Beispiele aus noch früherer Zeit. Besonders tragisch ist, dass Wilhelm Griesinger (1817 ‑ 1868), ein renommierter Psychiater der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Württemberg, schon im Jahre 1845 ‑ also noch vor den Arbeiten Rudolf Virchows zur Zellphysiologie ‑ im damaligen Standardwerk für Psychiatrie schrieb: „Die vorliegende Schrift beschäftigt sich mit der Lehre von der Erkenntnis und Heilung der psychischen Krankheiten (...); die Aufstellung der ganzen Gruppe der psychischen Krankheiten ist aus einer symptomatologischen Betrachtungsweise hervorgegangen und ihr Bestehen ist nur von einer solchen aus zu rechtfertigen. Der erste Schritt zum Verständnis der Symptome ist ihre Localisation. Welchem Organ gehört das Phänomen (...) an? - Welches Organ muss also überall und immer notwendig erkrankt sein (...)? - Die Antwort auf diese Frage ist die erste Voraussetzung der ganzen Psychiatrie. Zeigen uns physiologische und pathologische Tatsachen, dass dieses Organ nur das Gehirn sein kann, so haben wir vor allem in den psychischen Krankheiten jedesmal Erkrankungen des Gehirns zu erkennen.“ (Quelle: Wilhelm Griesinger, Die Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten, Verlag Krabbe, Stuttgart 1845).
Griesinger und Meynert sind typische Vertreter der Somatiker, denen die Ansichten von Psychikern wie Freud fremd sind.
Das Gehirn - ein auch im 21. Jahrhundert immer noch unverstandenes Organ?
Bei der Diagnose und Behandlung von Affektstörungen werden ‑ in Abhängigkeit von Fachrichtung und der Sichtweise ‑ organisch-physiologische Aspekte aber bis heute häufig als nebensächlich erachtet oder sogar vollständig ignoriert - sehr zum Nachteil psychiatrisch erkrankter Menschen.
Im Rückblick sind die Standpunkte der Psychiker durchaus nachvollziehbar, war das Gehirn im 19. Jahrhundert schließlich noch wenig erforschtes wissenschaftliches Neuland. Im 21. Jahrhundert wirken solche Ansichten vor allem rückständig.
Aber es gibt noch immer große Lücken im Verständnis der Arbeitsweise des Nervensystems. In der Folge werden bis heute oftmals abenteuerliche Hypothesen über die Ursachen psychiatrischer Erkrankungen konstruiert, was in der Medizin aus den genannten Gründen eine lange Tradition hat. So schildert der niederländische Hirnforscher Dick Swaab Missverständnisse bei Autismus-Diagnosen, die noch in den 1960er Jahren Leo Kanner unterliefen. Kanner, ein Kinder- und Jugendpsychiater aus Baltimore/USA, beschrieb 1946 als Erster ein Krankheitsbild, das heute Frühkindlicher Autismus genannt wird. Dazu Dick Swaab: „Autismus wird erst seit ziemlich kurzer Zeit als eine Entwicklungsstörung des Gehirns gesehen, die sich bereits in der Gebärmutter ausbildet. Vor dreißig Jahren habe ich noch erlebt, dass nach umfangreichen Untersuchungen durch Psychiater und Psychologen die Eltern eines Kindes, das von Anfang an «anders» war, nicht nur die Diagnose Autismus verkraften mussten, sondern auch die Aussagen, dass ihre Erziehung dieses Problem verschuldet habe. Verantwortlich hierfür war Kanner, der behauptet hatte, Autismus sei eine Reaktion auf fehlende Mutterliebe. Selbst 1960 vertrat er noch die Ansicht, dass die «Kühlschrankmutter» (refrigerator mother) autistischer Kinder nur ganz kurz aufgetaut sei, um das Kind zu zeugen. Wie viele Eltern wurden durch diese absurde Vorstellung wohl völlig zu Unrecht bestraft?“ (Quelle: Dick Swaab, Wir sind unser Gehirn, Droemer Verlag, München 2011).
Dabei liegt es spätestens seit Rudolf Virchow nahe, dass das Gehirn gleiche oder zumindest ähnliche physiologische Erkrankungspotentiale in sich birgt wie jedes andere Organ. Theorien oder Modelle, die solche Aspekte nicht oder nur unzureichend berücksichtigen, sind mit Recht als substanzlos zu bezeichnen und halten auch keiner wissenschaftlichen Überprüfung stand.
Auch Morbus Parkinson, an dessen hirnorganischen Ursachen heute keine Zweifel bestehen, wurde bis vor etwa 60 Jahren als psychogen-neurotische, das heißt nicht organisch bedingte psychiatrische Störung aufgefasst, obwohl der russische Neuropathologe Konstantin Tretjakov schon im Jahre 1919 entdeckte, dass Degenerationen bestimmter Hirnareale in einem Zusammenhang mit der Erkrankung stehen. Aber bis in die 1950er Jahre waren Mediziner überzeugt, Parkinsonkranke seien charakterlich gefühlsarm und die Schüttellähmung sowie das maskenhafte Gesicht Ausdruck unterdrückter Emotionen. US‑amerikanische Nervenärzte vertraten die Theorie, Morbus Parkinson beruhe auf Zwangsstörungen und unterdrückter Aggressivität.
Man versetze sich in die Situation hilfesuchender Parkinsonpatienten, die mit derart vulgärpsychologischen Deutungsversuchen konfrontiert wurden. In der Regel spüren Betroffene nämlich genau, dass solche hilflosen und abstrus wirkenden Erklärungsversuche jeder Grundlage entbehren.
In den 1960er Jahren bestätigten Forschungen die tatsächlichen Ursachen der Erkrankung, die vor allem mit Dopaminmangel begründet werden und exakt auf den degenerativen Veränderungen autonomer Hirnstrukturen beruhen, die Tretjakov fast fünfzig Jahre zuvor beschrieb.
Und trotz all dieser Erkenntnisse: Es gibt bis heute keine befriedigenden Therapiestandards gegen Morbus Parkinson, obwohl die Entdeckung der Ursachen durch Tretjakov nun schon über hundert Jahre zurückliegt.
Das Prinzip Zufall in der pharmazeutischen Behandlung affektiver Erkrankungen
Auch die Pharmazie setzt sich nur unzureichend mit den organischen Ursachen Affektiver Störungen auseinander und konzentriert sich bis heute auf die Behandlungsstrategie der Manipulation weniger Neurosubstanzen.
Erst Ende der 1950er Jahre kamen überhaupt Medikamente auf den Markt, die zellphysiologische Prozesse im Gehirn beeinflussen und seitdem zur Behandlung affektiver Erkrankungen eingesetzt werden. Forscher entdeckten diese Substanzen jedoch zufällig, da sie zunächst zur Behandlung völlig anderer oder anderer psychiatrischer Erkrankungen vorgesehen waren. Beispiele sind das Tuberkulosemedikament Iproniazid und das zunächst gegen Schizophrenie entwickelte Imipramin. Später wurden beide zur Therapie der Depression verwendet.
Die Monoaminmangelhypothese - das unbewiesene Dogma der Psychiatrie
Allein aufgrund der Annahme, monoamine Reizüberträgersubstanzen ‑ wie beispielsweise Serotonin ‑ ständen mit Affektstörungen in einem ursächlichen Zusammenhang, wird seit Anfang der 1970er Jahre die These vertreten, eine Erhöhung der Monoaminkonzentrationen im Gehirn müsse positive klinische Effekte haben. Im Jahre 1988 kam in den USA das erste Medikament mit der Handelsbezeichnung Prozac auf den Markt, dessen Wirkungsweise mit dieser bis heute unbewiesenen Monoaminmangelhypothese begründet wurde.
Die Schwachpunkte der Monoaminmangelhypothese sind sowohl fehlende Nachweise kausaler Zusammenhänge als auch fehlende plausible Annahmen über Ursache-Wirkungs-Ketten. Die ungenügende Auseinandersetzung mit diesen wissenschaftlichen Defiziten und wenig innovative Forschungen führten dazu, dass Medizin und Pharmazie immer noch keine wesentlichen Fortschritte vorzuweisen haben - weder beim Verständnis der Ursachen der Erkrankung noch bei der Behandlung. Die Wirkmechanismen der Medikamente aus den 1950er bis 80er Jahren sind bis heute fast unverändert die Grundlage der breitenmedizinischen Behandlung, obwohl die Kritik an ihnen aus mehreren Richtungen seit Jahren massiv zunimmt. Studien und Anwendungserfahrungen zeigen, dass die Wirkstoffe nur bei etwa einem Drittel der Patienten überhaupt eine nennenswerte Wirkung entfalten. Für ein weiteres Drittel bringen sie nur bedingt Verbesserungen, auf die Symptome der restlichen Patienten haben sie überhaupt keine Wirkung. Die Patienten der letzten Gruppe gehören dann meist auch zu denen mit der Diagnose „Therapieresistente Depression“.
Die Ergebnisse vieler seriöser Studien weisen sogar darauf hin, dass die Wirkungen solcher Medikamente nicht über die von Placebos hinausgehen. Da die auf der Monoaminmangelhypothese beruhenden Präparate in der Psychiatrie jedoch etabliert sind und deren Kosten aufgrund der Leistungskataloge der Krankenkassen und Krankenversicherer übernommen werden, besteht auch von Seiten der Industrie wenig Motivation, daran etwas zu ändern. Die Pharmahersteller haben mangels Erfolgs die Forschung nach wirkungsvolleren Medikamenten so gut wie eingestellt. Stattdessen werden schon erfolgreich vermarktete Präparate pharmakologisch leicht modifiziert und die daraus entstandenen sogenannten „neuen Präparate“ mit einem Patent versehen, um sie dann möglichst lukrativ in den Gesundheitsmarkt einzuschleusen.
Ein weiterer, bedeutender Nachteil sind die teilweise massiven Nebenwirkungen der Medikamente, von denen ein großer Teil der Anwender betroffen ist.
Psychopharmakologie in der Krise
Gerhard Gründer, früher Professor für Experimentelle Neuropsychiatrie an der RWTH Aachen und Stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der Uniklinik RWTH Aachen und seit 2018 Leiter des Zentrums für Innovative Psychiatrie- und Psychotherapieforschung am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, gehört zu den Fachleuten, die diesen Zustand kritisieren: „Große Unternehmen haben sich komplett aus dem Bereich zurückgezogen, haben ihre Forschung eingestellt, weil es nicht mehr lukrativ ist. Die Pharmaindustrie ist an Gewinn interessiert, ist ihren Aktionären verpflichtet, und wenn daraus, aus der Forschung nichts herauskommt, dann stellt man das ein. Und das ist in den letzten zehn Jahren geschehen. Es gibt noch eine umfangreichere Forschung bei den neurodegenerativen Erkrankungen, Stichwort Alzheimerdemenz, aber wenn es so um die großen klassischen Krankheiten wie Schizophrenie oder Depression geht, da findet nur noch sehr wenig statt und da muss man ganz klar von einer Krise der Psychopharmakologie sprechen.“ (Quelle: Martin Huber, Die Krise der Psychopharmaka, Feature des Deutschlandfunks vom 2.4.2017, Deutschlandradio, Köln, http://www.deutschlandfunk.de/...).
Erst seit relativ kurzer Zeit entwickeln Wissenschaftler neue Ansätze, die Ursachen affektiver Erkrankungen zu entschlüsseln. So gibt es Versuche, Wechselwirkungen zwischen der körperlichen und nicht körperlichen Ebene zu erklären, beispielsweise mit Hilfe verschiedener Stress-Modelle, oder die Rolle des oxidativen Zellstresses bei der Entstehung von Affektstörungen zu verstehen. Vor allem moderne computergestützte Diagnosetechniken und erste zaghafte Änderungen des Krankheitsverständnisses ermöglichen diese Fortschritte.
Leider finden solche oder vergleichbare Aktivitäten überwiegend im Forschungsbereich statt. Es besteht die Gefahr, dass Erkenntnisse dort versickern und kaum Auswirkungen auf die Behandlungsweisen in den Heilpraxen und Krankenhäusern haben.
Schwierigkeiten beim Verständnis Affektiver Störungen
Aber nicht nur die Funktionsweise des Gehirns und damit verbundene Ursachen affektiver Erkrankungen sind bis heute in grundlegenden Bereichen unverstanden. Auch Charakter und Wesen affektiver oder anderer psychiatrischer Erkrankungen sind es. Das bedeutet auch für die Entwicklung zielgerichteter Behandlungsmöglichkeiten eine weitere Hürde.
Auf einem Vortrag über psychiatrische Störungen im Zusammenhang mit chronischen Infektionskrankheiten referierte ein Psychiater über den Fall eines Patienten, der über mehr als zwei Jahre psychotherapeutische Hilfe wegen einer Depression in Anspruch genommen hatte, bevor sich herausstellte, dass ein Vitamin-B12-Mangel aufgrund seiner veganen Ernährung für die psychische Situation verantwortlich war. Nach einer B12-Substitution verschwand die Depression sofort. Der vortragende Arzt kommentierte das mit den Worten, der „Patient hätte also gar keine Depression gehabt“. Auf meine Frage, als was er die geschilderten Symptome denn sonst bezeichnen würde, wenn nicht als Depression, wusste er keine Antwort.
Dieses Beispiel ist leider kein Einzelfall und demonstriert auf anschauliche Weise die immer noch vorherrschenden diffusen Vorstellungen über psychiatrische Erkrankungen, deren Symptome und Ursachen.
Nicht nur in Medizin bzw. Psychiatrie, auch in der psychologisch-therapeutischen Ausbildung wurden über Jahrzehnte Defizite angehäuft. Erich Kasten, Professor für Klinische Psychologie, beschreibt die Folgen: „«Cogito ergo sum» sagte René Descartes vor über 400 Jahren und schuf damit die Zweiteilung von Körper und Seele. Seitdem sind Medizin und Psychologie getrennte Wissenschaften, die oft nur schwer unter einen Hut zu bringen sind. (...) In der Psychotherapie-Ausbildung werden erst seit einigen Jahren auch Kenntnisse über organische Ursachen psychischer Störungen verlangt. Aller Wahrscheinlichkeit nach gelangen jedes Jahr mehrere Tausend Patienten auf die Couch der Psychoanalytiker oder in die Sprechzimmer von Verhaltenstherapeuten, die dort gar nicht hingehören.“ (Quelle: Erich Kasten, http://www.erich-kasten.de/...).
Nach meiner persönlichen Einschätzung ist die Dunkelziffer jedoch wesentlich höher und betrifft eine viel größere Anzahl als nur mehrere Tausend Patienten jährlich.
Eine der Hauptursachen von Problemen im Umgang mit psychiatrischen Erkrankungen ist deren schwierige Objektivierbarkeit. Es sind massive Störungen der Erlebnis- und Gefühlswelt, die von nicht direkt Betroffenen oft nur schwer oder sogar gar nicht nachzuvollziehen sind, mögen sie als Ärzte, Heilpraktiker oder Psychologen auch noch so viele Fachausbildungen absolviert oder praktische Erfahrungen mit Patienten gemacht haben.
Ein Knochenbruch oder ein Sekundärkarzinom der Leber ist als Erkrankung des Körpers relativ leicht zu begreifen und zu diagnostizieren, und Ursache‑Wirkungs‑Beziehungen sind oft problemlos festzustellen. Aber welches Verständnis ist von Behandelnden bzw. Wissenschaftlern zu erwarten, die Affektstörungen oder Psychosen nur theoretisch aus Büchern oder aus Patientenschilderungen kennen, sich jedoch beruflich damit praktisch auseinandersetzen müssen? Es ist ‑ auch bei Fähigkeit zur Empathie ‑ vergleichbar mit dem Verständnis von Blinden, die sich mit dem Phänomen der Farben beschäftigen. Das ist nicht sarkastisch oder abwertend gemeint, sondern eine Tatsache. Dieser Tatsache sollte sich jeder ‑ Behandelnder und, sofern möglich, auch der Patient ‑ bewusst sein.
Aber auch bei persönlichen Krankheitserfahrungen müssen sich Forscher und Therapeuten darüber im Klaren sein, dass sie das Erleben anderer psychiatrisch erkrankter Personen nicht objektiv nachempfinden können.
Dies zu beachten ist wichtig, um vor voreiligen und falschen Interpretationen bzw. ineffektiven Therapiebemühungen zumindest bis zu einem gewissen Punkt geschützt zu sein.
Die Schwierigkeiten, das Wesen psychiatrischer Erkrankungen zu verstehen, liegt auch am allgemein falschen bzw. laxen sprachlichen Umgang mit den Begriffen. So werden beispielsweise unreflektiert und nachlässig in völlig unpassender und verallgemeinernder Weise verschiedene emotionale Zustände fälschlicherweise als depressiv bzw. Depression bezeichnet, die nicht im Entferntesten etwas mit dieser Erkrankung zu tun haben.
Auch in Literatur, Theater oder Film werden psychiatrische Erkrankungen häufig realitätsfern dargestellt und die Beschreibungen der Situationen Betroffener bzw. von Erkrankungscharakteristiken dramaturgischen Bedürfnissen angepasst mit der Folge völlig verzerrter Darstellungen, die Leser oder Zuschauer dann als Wirklichkeit missverstehen.
Quintessenz: Es fehlt immer noch an ausreichenden Bemühungen, alle potentiell hirnorganischen und psychologischen Aspekte psychiatrischer Erkrankungen im Allgemeinen und von Affektstörungen im Besonderen zu berücksichtigen, zu analysieren und zu verstehen und mit nicht hirnorganischen Aspekten in einen nachvollziehbaren, plausiblen Zusammenhang zu bringen.
Psychiatrie, Neurologie, Psychologie, Psychosomatik und Pharmazie: Viele Köche verderben den Brei
Die Aufteilung der Nervenheilkunde in Psychiatrie und Neurologie ist aufgrund der dadurch entstandenen Konkurrenzsituation für Verständnis, Erforschung und Beurteilung neurologisch-psychiatrischer Erkrankungen ungünstig. In Deutschland gibt es darüber hinaus noch eine separate medizinische Fachrichtung für Neuropathologie. Therapeuten und Wissenschaftler zahlreicher psychologischer Fachrichtungen vertreten unterschiedliche Theorien über die Ursachen von Affektstörungen. Zu allem Überfluss begaben sich Psychiatrie und Psychologie auch noch in einen äußerst unglücklichen Konkurrenzkampf in Fragen der Deutungshoheit.
Hierzulande führte die im Jahr 1992 eingeführte medizinische Fachrichtung „Psychotherapeutische Medizin“ mit der entsprechenden Facharztausbildung zu einer weiteren Zersplitterung. Später wurde die Facharztbezeichnung geändert in „Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie“. Auf Seiten der Psychiatrie wurde ‑ um den Anspruch auf die Ausübung der Psychotherapie zu unterstreichen ‑ mit der Umbenennung des Fachgebiets in „Psychiatrie und Psychotherapie“ prompt reagiert. Die Kriegsbeile sind bis heute nicht vergraben.
Die Pharmahersteller verfolgen ebenfalls eigene Interessen und machen damit das Durcheinander komplett. Auch dadurch werden die Möglichkeiten einer Verbesserung der gesundheitlichen Situation großer Teile der Bevölkerung nicht erleichtert.
Die Ergebnisse dieser Publikation zeigen unter anderem, warum die unabhängigen, teilweise gegensätzlichen Aktivitäten von Interessengruppen und Vertretern verschiedener Fachgebiete kontraproduktiv sind.
Depression? Depressive Verstimmung? Oder nur eine Lebenskrise?
Sämtliche aufgezählten Problematiken machen es sowohl für Behandelnde als auch für Patienten zu einer schwierigen Herausforderung, die Depression als klinische Erkrankung überhaupt zu erkennen und von der depressiven Verstimmung oder einer Lebenskrise zu unterscheiden. Die beiden zuletzt genannten Zustände sind nicht mit einer Depression im hier verstandenen Sinne vergleichbar, auch wenn sie für Betroffene mit vergleichbaren Konsequenzen verbunden sein können.
Während depressive Verstimmungen jedoch eine völlig natürliche Reaktion auf bestimmte negativ empfundene Lebenssituationen sind und nach deren Beseitigung oder der Überwindung der Lebenskrise meist verschwinden, ist das bei einer „echten“ klinischen Depression nicht der Fall. Allerdings können depressive Verstimmungen aufgrund ihres Stresspotentials mittel- bis langfristig die Entstehung einer klinischen Depression begünstigen oder diese sogar maßgeblich auslösen, was die Gemengelage nicht einfacher macht.
Es ist auch nicht ungewöhnlich, an einer Depression zu erkranken und sich unabhängig davon noch in einer Lebenskrise zu befinden oder depressive Verstimmungen zu haben, was die Sache weiter verkompliziert.
Es ist aber wichtig, zu differenzieren und sich die Unterschiede der verschiedenen Erkrankungscharakteristiken bewusst zu machen, da dies sowohl für das Verständnis individueller Ursachen als auch für eine auf Grundlage dieser individuellen Ursachen konzipierten patientengerechten Therapie notwendig ist.
Die Zellpathologielehre als Grundlage einer (multi-)kausalen Theorie
Mit den hier erarbeiteten Hypothesen soll ein moderneres Verständnis für Charakteristiken und die Entstehung Affektiver Störungen und anderer Nervenerkrankungen erzielt werden ‑ auf der Grundlage des Kerngedankens von Rudolf Virchow, dass Organerkrankungen immer auf Erkrankungen der Organzellen beruhen.
Es werden zwei Kausalebenen unterschieden, auf denen potentielle Ursachen Affektiver Störungen (und später auch weiterer neurologisch-psychiatrischer Erkrankungen) multifaktoriell analysiert werden:
Kapitel 1: Pathologische Veränderungen des Zentralnervensystems verursachen Affektstörungen
Verschiedene Symptome Affektiver Störungen, beispielsweise Stimmungstiefs, Antriebsarmut, emotionale Verflachung oder Konzentrationsprobleme, beruhen auf einem komplexen dreistufigen degenerativen Prozess, der in den für diese Merkmale verantwortlichen Hirnbereichen stattfindet. Damit ähnelt eine klinische Depression, Manie oder Bipolare Störung von ihren Ursachen her betrachtet neurologischen Erkrankungen wie Morbus Parkinson oder der Multiplen Sklerose.
Diese als Kausaltheorie bezeichneten Hypothesen genügen den Anforderungen des wissenschaftlichen Sparsamkeitsprinzips, auch als Ockhams Rasiermesser bekannt. Nach dem vom Wissenschaftstheoretiker Wilhelm von Ockham (ca. 1285 ‑ 1345) begründeten Prinzip sollten Theorien möglichst sparsam mit erklärenden Hypothesen und geringer Komplexität begründet werden. Denn: Je einfacher eine Theorie ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie zutrifft ‑ unter der Bedingung ihrer Plausibilität.
Gerade wegen ihres einfachen aber nachvollziehbaren Aufbaus können mit der Kausaltheorie die komplexen Phänomene Affektiver Störungen sinnvoll begründet werden, beispielsweise deren Symptomvielfalt, psychosomatische Aspekte oder die individuelle psychische Resilienz.
Kapitel 2 und 3: Zellschwachstellenidentifikation und ‑bewertung auf Basis eines Zellprozessmodells
Kern und zentrale Inhalte dieser Web-Publikation sind die Identifikation und Bewertung endogener Zellschwachstellen in Kapitel 3 auf Basis eines in Kapitel 2 konstruierten aggregierten Zellprozessmodells.
Verschiedene Analysen und Bewertungen (Kapitel 3) führen zu fünf grundlegenden Erkenntnissen:
Probleme der ncRNA-Versorgung und Zellprozessstörungen
Die Bedeutung der ncRNA-Moleküle wird in Biologie und Medizin erst seit wenigen Jahren zur Kenntnis genommen. Etwa 95% aller aktiven Bereiche des menschlichen Genoms sind ncRNA‑Codes, von denen die überwiegende Anzahl mit der Regulation bzw. Modulation der Proteinbiosynthese in einem direkten Zusammenhang stehen: Zellen differenzieren sich vor allem über die von ihnen synthetisierten ncRNA, die zentral für deren Genregulation sind. Das bedeutet: Jeder Zelltyp setzt eine andere ncRNA-Kombination ein, ncRNA sind überwiegend als zelltyp- bzw. funktionsspezifisch zu betrachten und werden konservativ vererbt. Und wegen der Herkunft aller ncRNA als Codes auf der Zell‑DNA sind ncRNA‑Moleküle als einzige Kausalfaktoren sowohl von Mutationen der elterlichen DNA als auch von somatischen Mutationen betroffen.
ABBILDUNG B: ZELLPROZESSMODELL MIT NEUN ZELLSCHWACHSTELLEN
Abbildung B: Das in Kapitel 2 entwickelte Zellprozessmodell ‑ hier in einer vereinfachten Darstellung ‑ zeigt die wesentlichen Zellprozesse auf zwei Ebenen. Acht Kausalfaktoren bzw. Kausalfaktorgruppen dominieren sämtliche Zellvorgänge. Zellprobleme resultieren daher vor allem aus Problemen der Kausalfaktorversorgung. Als neunte Zellschwachstelle werden somatische Mutationen an der Zell-DNA bezeichnet, die gegenüber den acht Kausalfaktoren aber eine untergeordnete Rolle spielen (→ Kapitel 3 mit den Hinweisen zum „Postulat der Kausalfaktorendominanz“). Ein wichtiger Kausalfaktor ist die elterliche Erbinformation (1). Sie stellt die ursprünglichen Codes für die Proteinbiosynthese und den gesamten Stoffwechsel einer neuen Zelle zur Verfügung. Sechs weitere Kausalfaktoren (2, 3, 4, 6, 7 und 8) gelangen fast ausschließlich von außen in die Zelle, nämlich Wasser, Sauerstoff, Aminosäuren, Fettsäuren, Glukose und Mikronährstoffe, und sind unverzichtbar für alle Lebensprozesse. Einzig die nicht‑codierenden Ribonukleinsäuren bzw. ncRNA (5) stellen eine Ausnahme dar. Die für den korrekten Ablauf sämtlicher Proteinbiosyntheseprozesse wichtigen ncRNA‑Moleküle werden durch Ablesen der Zell-DNA zelltyp- bzw. funktionsspezifisch in jeder Zelle selbst produziert. Während der Embyogenese beeinflussen mit großer Wahrscheinlichkeit zusätzlich speziesspezifische ncRNA die Entwicklung des entstehenden Organismus. Ihre quantitative und qualitative Verfügbarkeit ist daher vor allem von der DNA-Qualität abhängig. Die ncRNA-Produktion ist damit sowohl durch erbliche als auch somatische DNA‑Schäden bedroht. Fehlende oder fehlerhafte ncRNA‑Moleküle stellen eine erhebliche Gefahr für betroffene Zellen dar, denn dadurch ist die korrekte Durchführung von Genregulation und Translation nicht mehr möglich. Probleme der ncRNA‑Versorgung führen zu Genregulations- und Translationsstörungen auf der Ebene der Proteinbiosynthese mit potentiell negativen Folgen für sämtliche nachfolgenden Zellprozesse, die immer stärker aus dem Ruder laufen und mit degenerativen Erkrankungen und einer beschleunigten Zellalterung einhergehen können. Die Quintessenz ist, dass innerhalb des Zellstoffwechsels begründete Fehlentwicklungen vor allem mit einer zelltypspezifischen ncRNA-Fehlversorgung zu erklären sind.
Die Proteinbiosynthese, somatische Mutationen, acht Kausalfaktoren und Ockhams Sparsamkeitsprinzip
Schon bei der Formulierung der Kausaltheorie war Wilhelm von Ockhams Sparsamkeitsprinzip („Ockhams Rasiermesser“) eine Richtschnur für die Verdichtung auf wenige, grundlegende Zusammenhänge. Dieses wissenschaftliche Prinzip ist aber auch ein wesentliches Leitmotiv weiterer hier getroffener kausaltheoretischer Aussagen.
Die Identifikation von acht Kausalfaktoren, die den gesamten Zellstoffwechsel dominieren, genügt daher ebenfalls diesem Prinzip, nach dem eine einfache, aber schlüssige Theorie am wahrscheinlichsten zutrifft.
Im konkreten Fall: Das wissenschaftliche Sparsamkeitsprinzip rechtfertigt es, einen komplexen Teil des Zellstoffwechsels auszublenden ‑ nämlich die unzähligen Zellprozesse der unteren Zellprozessebene, bei denen vor allem Peptide und Proteine eine Rolle spielen, um sodann auf die obere Prozessebene der Proteinbiosynthese zu fokussieren und auf die acht Kausalfaktoren, die zu ihrer Durchführung - und auch für die Durchführung sämtlicher Zellprozesse der nachfolgenden Ebene(n) - unverzichtbar sind. Kausalfaktoren sind die Treiber und Garanten eines reibungslosen Zellstoffwechsels, und bei Ihnen liegt der Schlüssel für das Verständnis der Ursachen von Zellprozessproblemen und die Entstehung aller degenerativen Erkrankungen. Und besonders wichtig ist die Erkenntnis, dass ncRNA die entscheidenden Kausalfaktoren sind.
Ebenfalls tritt die Bedeutung somatischer Mutationen der Zell-DNA hinter der Bedeutung von Kausalfaktormängeln zurück, denn eine ausreichende Kausalfaktorversorgung garantiert einen optimalen Ablauf der DNA-Reparaturen, was die Anzahl der Mutationen minimiert. Zwar muss die Möglichkeit somatischer Mutationen auch weiterhin bei allen Analysen berücksichtigt werden, im Zellprozessmodell kann sie aber aufgrund der Anwendung des Sparsamkeitsprinzips vorübergehend vernachlässigt werden.
ABBILDUNG C: DAS ZELLPROZESSMODELL UNTER OCKHAMS RASIERMESSER
Abbildung C: Ockhams Rasiermesser schneidet die Zellprozesse heraus, die für die Analyse von Zellprozessproblemen nicht erforderlich sind. Übrig bleiben Proteinbiosynthese und acht Kausalfaktoren. Das Verständnis des Zusammenwirkens dieser Elemente ist der Schlüssel zum Verständnis fast aller Zellprozessprobleme. Auch die Relativierung der Bedeutung somatischer Mutationen der Zell-DNA als neunte Zellschwachstelle, die mit einer Fokussierung auf die Kausalfaktoren einhergeht, genügt Ockhams Sparsamkeitsprinzip.
Kapitel 4: Von der Kausaltheorie zur multikausalen Theorie
Unter Berücksichtigung aller neun Zellschwachstellen werden im Kapitel 4 sämtliche potentiell negativen Einflüsse der Um‑ und Außenwelt auf das Zentralnervensystem in Bezug auf Affektstörungen untersucht. Neben einem Kausalfaktorenmangel (bzw. -mängeln) sind das verschiedenartige negative Umwelteinflüsse (externe Noxen), die direkt oder indirekt auf das Nervensystem destruktiv einwirken. Einige Noxen haben beispielsweise somatische Mutationen der Zell-DNA zur Folge oder führen zu Problemen mit der Kausalfaktorversorgung.
Hier spielen unterschiedliche Noxen ihre verhängnisvollen Rollen, beispielsweise emotionaler Stress, energiereiche Strahlung, Industriegifte und sonstige Schadstoffe, Suchtstoffe, Ernährungsdefizite, vaskuläre Erkrankungen mit Störungen der Mikrodurchblutung des Gehirns in affektrelevanten Hirnarealen, chronische Erkrankungen, Infektionen durch Viren ‑ zum Beispiel durch das neuartige Virus SARS‑CoV‑2 bei Covid‑19 ‑, Bakterien oder Parasiten, Entzündungen, Mutationen, Traumata, Medikamente und Narkosemittel oder Sauerstoffmangel.
Gerade organische Hirnveränderungen aufgrund chronischen psychischen Stresses und die damit verbundene Gefahr der Entstehung Affektiver Störungen lassen sich mit Hilfe kausaltheoretischer Hypothesen plausibel nachvollziehen.
Auch hirnorganische Veränderungen aufgrund anderer Nervenerkrankungen können eigenständige Noxen einer Affektstörung sein, wenn die Veränderungen ebenfalls affektrelevante Hirnareale betreffen. So ist zu erklären, dass einer Erkrankung an Multipler Sklerose oder Morbus Parkinson auch massive Affektstörungen folgen können, nämlich dann, wenn die affektrelevanten Hirnareale von den degenerativen Veränderungen betroffen sind, die typisch für eine Erkrankung an Multipler Sklerose oder Morbus Parkinson sind. Das gilt potentiell auch für alle anderen neurologisch-psychiatrischen Erkrankungen.
Die Kausaltheorie und ihre multikausale Erweiterung bestätigen die multifaktorielle Ätiopathogenese und bilden zusammen ein integriertes Multikausalmodell.
ABBILDUNG D: KAUSALTHEORIE UND MULTIKAUSALE THEORIE IM ÜBERBLICK
Abbildung D: Die unmittelbaren Ursachen neurologisch-psychiatrischer Erkrankungen sind pathologische Gehirnveränderungen, wobei zwei Aspekte zu unterscheiden sind. Der erste Aspekt betrifft Zellveränderungen (Mikroebene), der zweite Aspekt betrifft die Lokalisation dieser Zellveränderungen im Gehirn (Makroebene). Das Wesen der Zellveränderungen auf der Mikroebene wird mit einem dreistufigen Modell erklärt, die Lokalisation dieser Zellveränderungen erfolgt mit Hilfe einer funktionsorientierten Gehirnlandkarte. Bestimmte innere oder äußere Einflüsse (Noxen) führen zu Schäden, die durch einen Mangel oder Mängel acht lebenswichtiger Kausalfaktoren oder durch Schäden an Zellstrukturen, zum Beispiel der Zell‑DNA, charakterisiert sind. Dies kann zu verschiedenen Formen von Zellprozessstörungen führen, vor allem zu Fehlsteuerungen der Proteinbiosynthese. In der Folge steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es zu den oben beschriebenen pathologischen Gehirnveränderungen kommt. Darüber hinaus ist das Gehirn weiteren exogenen Noxen ausgesetzt, beispielweise schädlichen Substanzen, Erkrankungen des Körpers, radioaktiver Strahlung, Traumata oder psychosozialem Stress. Diese können Gehirnfunktion und Gehirnentwicklung sowohl über eine Verschlechterung der Kausalfaktorversorgung als auch über direkte schädliche Einflüsse beeinträchtigen.
Von der multikausalen Theorie zu kausalen Therapien Affektiver Störungen
Auf Grundlage aller Ergebnisse der Kapitel 1 bis 4 und ihren theoretischen Modellen werden zunächst konventionelle symptomatische Therapiekonzepte verglichen bzw. bewertet (Kapitel 5), um danach praktische ursächliche Behandlungsstrategien zu konzipieren und zu diskutieren (Kapitel 6 bis 8).
Kausale Therapiestrategien orientieren sich an den beiden Ursachenebenen der multikausalen Theorie. Jede ursächliche Therapie verfolgt daher immer zwei Behandlungsziele:
Mit sieben therapeutisch verfügbaren molekularen Kausalfaktoren besteht die Möglichkeit, Behandlungsziel 1 zu erreichen und dysfunktionale Zellprozesse positiv zu verändern, um den dreistufigen Degenerationsprozess von Nerven- und Gliazellen zu stoppen und ggf. sogar umzukehren (Kapitel 6 und 7).
Substitution zelltypspezifischer ncRNA als Königsweg
Die ncRNA-Substitution (Kapitel 7) hat die höchste Priorität aufgrund der hohen Bedeutung der ncRNA als wichtigste Kausalfaktorgruppe.
Erst seit einigen Jahren rückt die unüberschaubare Anzahl unterschiedlicher kurzkettiger ncRNA‑Moleküle, zum Beispiel micro‑RNA, immer stärker in den Fokus der Forschung. Einige von ihnen wurden erst vor etwa 20 Jahren entdeckt, und über deren genregulierende Funktionen weiß man entsprechend wenig. Es wird viel Aufwand betrieben, die komplexen Funktionen verschiedener ncRNA zu verstehen. Das ist mit der Hoffnung verbunden, einzelne ncRNA-Moleküle künftig therapeutisch einsetzen zu können.
Auch die hier gewonnenen Erkenntnisse zeigen, dass verschiedenartige ncRNA-Moleküle eine wichtige Basis ursächlicher Therapien vor allem bei degenerativen neurologisch-psychiatrischen Erkrankungen sind, jedoch im Rahmen einer völlig anderen Behandlungsstrategie.
So müssen beispielsweise die für die wichtige Genregulation notwendigen micro‑RNA zelltypspezifisch bzw. funktionsspezifisch in ihrer ganzen Artenfülle dort zur Verfügung gestellt werden, wo sie fehlen oder fehlerhaft sind. Dies gilt insbesondere bei einer durch somatische DNA-Mutationen unterschiedlichen Ursprungs behinderten Proteinbiosynthese, was bei zahlreichen degenerativen Erkrankungen der Fall ist.
Aber auch bei Vorliegen funktioneller und struktureller Schädigungen des Zentralnervensystems aus anderen Gründen, beispielsweise durch Lipidperoxidation innerer und äußerer Zellmembranen oder Proteinoxidation, besteht das Potential einer Regeneration geschädigten Zellgewebes durch Kausalfaktoroptimierung, wobei auch hier die Substitution zelltyp- bzw. funktionsspezifischer ncRNA-Moleküle entscheidend ist. Mit ihr soll durch Korrektur und Aktivierung der Genregulation und die damit verbundene Steigerung der Proteinbiosynthese und des Eiweißstoffwechsels die Regeneration geschädigten Gewebes angeregt werden.
Den Gordischen Knoten mit ncRNA lösen und die Paste erst gar nicht aus der Tube lassen
Zum Sparsamkeitsprinzip nach Ockham passt auch die Metapher von der Lösung des Gordischen Knotens. Sie vermittelt anschaulich ein Bild der Funktionsweise der Kausalfaktoroptimierung, insbesondere durch ncRNA-Substitution: Die Organgesundung gelingt bei degenerativen Erkrankungen, wenn sich die zellspezifische Genregulation ‑ und damit die Proteinbiosynthese ‑ wieder normalisiert. Das garantiert die Lösung komplexer Zellprobleme aller nachfolgenden Zellprozessebenen. Die Normalisierung der Proteinbiosynthese mittels Kausalfaktoroptimierung ist das Schwert, mit dem die Probleme des komplexen, unübersichtlichen Zellstoffwechsels pariert werden.
Es wird in den biologischen und medizinischen Wissenschaften derzeit noch nicht erkannt, dass fast alle Zellprobleme hauptsächlich auf Fehlern der oberen Prozessebene zurückzuführen sind und dass vor allem der Einsatz zelltyp- und funktionsspezifischer ncRNA die Lösung ist. Stattdessen wird mit den meisten heutiger Behandlungsmethoden versucht, Vorgänge der unteren Zellprozessebene zu reparieren. Ein „Herumdoktern“ an den Prozessen der unteren Ebene kann aber nicht die Lösung sein, denn da ist ‑ um die zweite Metapher zu verwenden ‑ die Paste schon aus der Tube und es wird schwierig, sie wieder dorthin zurückzubekommen. Mittels Kausalfaktoroptimierung ‑ und vor allem ncRNA‑Substitution ‑ bleibt sie da, wo sie hingehört: in der Tube.
Strategien zur Vermeidung und Vorbeugung schädlicher externer Einflüsse
Um das zweite Behandlungsziel zur erreichen, sollten Strategien zur Beseitigung möglichst aller belastender und nervenschädigender externer Einflüsse gefunden werden, bei denen der Verdacht besteht, am Ausbruch oder der Verstärkung der Affektstörung beteiligt zu sein. Die Erarbeitung solcher Strategien ist Gegenstand des achten Kapitels.
Die Möglichkeiten bestehen beispielsweise in der Behandlung einer somatischen Grunderkrankung, einer langfristigen Vermeidung schädigender Umweltbelastungen oder Verhaltensweisen und dem Erkennen und Beseitigen der Quellen psychischer Überforderungen. Letzteres sollen vor allem psychotherapeutische Verfahren und Entspannungstechniken unterstützen.
Eine allgemeine Theorie und Therapie zentralnervöser Erkrankungen
Im dritten und letzten Teil (Kapitel 9 und 10) werden die vorgestellten Modelle und Methoden auf andere Nervenerkrankungen übertragen und geprüft, ob sie auch hier anwendbar sind. Die Schwerpunkte liegen in einer kurzen Analyse und Bewertung verschiedener Demenzformen, von Epilepsie, Morbus Parkinson, HOPS, Schizophrenie und dem Tourettesyndrom.
Das Ergebnis ist nicht überraschend: Nach den hier erörterten Analysen beruhen fast alle zentralnervösen Erkrankungen auf gleichen oder ähnlichen pathologischen zellulär‑molekularen Mechanismen. Das führt zwangsläufig zu Schlussfolgerungen über zukünftige Behandlungsstrategien mit dazu geeigneten molekularen Substanzen in der neurologisch-psychiatrischen Breitenmedizin.
Exkurs 2: Was lehrt das 9‑Punkte‑Experiment über das Lösen einer schwierigen Aufgabe?
Hier noch die Auflösung des eingangs erwähnten 9‑Punkte‑Tests. Es gibt mehrere Möglichkeiten, die in Abbildung D gezeigte Lösung ist eine davon.
ABBILDUNG E: EINE LÖSUNG DES 9-PUNKTE-TESTS
Abbildung E: Neun Punkte sollten mit maximal vier geraden Linien verbunden werden, ohne den Stift abzusetzen oder eine Linie doppelt zu zeichnen.
Um die Aufgabe bewältigen zu können, muss der quadratische Raum erweitert werden, im Beispiel unterhalb und rechts der Punkte. Nur dann ist eine Verbindung mit vier Linien möglich.
Die meisten Menschen verlassen bei ihrer Suche nach einer Lösung jedoch nicht den quadratischen Raum, den die Punkte suggerieren.
Kognitionspsychologen erklären das mit der Tendenz des Menschen zur Gestaltwahrnehmung. Aus den neun Punkten wird intuitiv ein Quadrat gebildet und als vorgegeben betrachtet. Erst wenn sich eine Versuchsperson von dieser Vorstellung löst, ist sie in Lage, ein Resultat wie das in Abbildung E gezeigte zu erzielen.
Folgendes sollte man zur Lösung komplexer, scheinbar unlösbarer Probleme daher tun: sich von abgetretenen Erkenntnispfaden fernhalten oder diese frühzeitig verlassen und keine vordergründigen Lösungswege verfolgen. Ebenfalls ist es ratsam, häufiger zurückzutreten, um mit Hilfe eines größeren Abstands eine bessere Übersicht über die Aufgabenstellung zu gewinnen.
Diese Maximen sind von jetzt an die Richtschnur und ermöglichen es überhaupt erst, die Modelle zu erstellen und die Suche nach Lösungen voranzutreiben, die auf den folgenden Seiten niedergeschrieben sind. Jeder ist nochmals herzlich dazu eingeladen, sich mit auf diese spannende Suche zu begeben.
Komprimierte Zusammenfassungen aller zehn Kapitel
Auf dieser Seite folgen nun Zusammenfassungen der Inhalte aller zehn Kapitel, die sich etwas detaillierter auf das Wesentliche beschränken. Mit Hilfe der Sprungmarken (Pfeil nach oben) gelangt man entweder zurück zum Seitenanfang oder wechselt ins jeweilige ausführliche Kapitel (Pfeil nach rechts).
Berlin, im Mai 2023
Hermann Schurz
Im ersten Teil (Kapitel 1 bis 4) werden die Hypothesen der kausalen und multikausalen Theorie ausführlich abgeleitet. Das betrifft die hirnorganische Primärebene (Kapitel 1), das Zellprozessmodell (Kapitel 2), eine Zellprozessanalyse einschließlich einer Definition und Bewertung von Zellschwachstellen (Kapitel 3), und in den beiden vierten Kapiteln die ausführliche Analyse endogener (4A) und exogener Ursachen (4B) affektiver Erkrankungen.
Kapitel 1 – Grundlagen einer kausalen Theorie Affektiver Störungen►
Im Vordergrund stehen drei Thesen, mit denen die Monoaminmangelhypothese und deren Annahme infrage gestellt wird, eine Affekterkrankung stehe hauptsächlich mit einem Mangel monoaminer Botenstoffe in Verbindung.
Therapien mit Psychopharmaka basieren überwiegend auf dieser Hypothese und manipulieren an bestimmten Stellen im Gehirn den Monoaminstoffwechsel, beispielsweise von Serotonin oder Noradrenalin.
Bis heute werden keine konkreten Ursachen des angeblichen Monoaminproblems benannt. Mediziner und Pharmazeuten sind nicht in der Lage, sich auf eine gemeinsame Haltung in dieser Frage zu einigen.
Wichtige Fragen werden nicht ausreichend erörtert, zum Beispiel auf welchen weiteren substanziellen Defiziten affektive Erkrankungen beruhen könnten oder welche Bedeutung die zahlreichen unterschiedlichen Hirnstrukturen bei der Erkrankungsgenese haben. Mangels wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse greifen manche gerne auf nebulöse Aussagen wie die der „Stoffwechselentgleisung im Gehirn“ als Ursachenerklärung zurück.
Die Monoaminmangelhypothese wird daher von vielen Wissenschaftlern, Therapeuten und Patienten kritisiert und auch die ungenügende Wirksamkeit von Psychopharmaka, deren Wirkungsprinzipien mit dieser Hypothese begründet werden und von denen ein großer Teil der Erkrankten nicht oder nur ungenügend profitiert. Wissenschaftliche Studien und praktische Erfahrungen belegen deren Defizite in der Behandlung von Affektstörungen.
Im ersten Schritt werden 14 Schwächen der Monoaminmangelhypothese herausgearbeitet. Auf Grundlage einer Mikrobetrachtung einzelner Hirnzellen und einer Makrobetrachtung unterschiedlicher Hirnregionen werden drei Thesen als Gegenentwurf formuliert.
Kern der Mikrobetrachtung und ihrer beiden ersten Thesen ist ein erweitertes Verständnis von Reizverarbeitungsstörungen und neuronaler Dysfunktionalität sowie die Berücksichtigung der Gliazellen. Gliazellen sind neben den Nervenzellen die zweite wichtige Zellart des Gehirns, denn sie übernehmen viele Aufgaben bei der Erhaltung der Funktionsfähigkeit von Nervenzellen. Sie beeinflussen Reizentstehung, ‑weiterleitung und ‑übertragung direkt und indirekt. Gliazellen sind wesentliche Bestandteile des Gehirns und funktionsgestörte Gliazellen kommen damit als (Mit‑)Verursacher einer affektiven Erkrankung infrage.
Die Makrobetrachtung umfasst einen funktionalen Vergleich verschiedener Hirnareale und -strukturen und eine Bewertung ihrer Anteile an der Entstehung und Verarbeitung von Emotionen bzw. Affekten:
Die daraus abgeleitete dritte These postuliert einen Zusammenhang zwischen einer Affektstörung und der Erkrankung affektrelevanter Hirnstrukturen.
Getrennte Betrachtungen von Mikroebene (Einzelzellen) und Makroebene (Hirnareale) reichen für die Formulierung einer schlüssigen Ursachentheorie noch nicht aus. Es fehlt noch eine vollständige Definition dessen, was eine erkrankte Hirnstruktur charakterisiert. Mit einem Modell untereinander vernetzter Nervenzellen wird eine dreistufige degenerative Entwicklung beschrieben, die zwei weitere Ursachen für Reizverarbeitungsprobleme gemäß These 1 benennt, die sich aus Störungen der Nervenzellvernetzung und einem Zelluntergang, Gliazellen eingeschlossen, ergeben. Das Modell wird als 3‑Stufen‑Modell bezeichnet und stellt die Verbindung zwischen Mikro- und Makrobetrachtung her.
Zu Beginn der zweiten Hälfte des Kapitels werden die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst und ein komplexes neurologisches Szenario als primäre Ursache einer Affektstörung beschrieben (Kausaltheorie).
Die Kausaltheorie ermöglicht es, plausible Aussagen über die Hintergründe verschiedener charakteristischer Merkmale von Affekterkrankungen zu machen, beispielsweise über psychosomatische Aspekte bzw. die psychische Komorbidität, Symptomvielfalt und über die Gründe von Chronifizierung oder unterschiedlicher Erkrankungsintensitäten. Auch das Phänomen patientenindividueller Resilienz lässt sich anhand der Modelle nachvollziehbar begründen.
Neuere Untersuchungsmethoden mit Hilfe der strukturellen oder funktionellen Magnetresonanztomographie (MRT, fMRT) bzw. der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) stützen die Kausaltheorie, denn sie weisen bei affektiven Erkrankungen die dort beschriebenen pathologischen Veränderungen in affektrelevanten Hirnarealen nach.
Eine umfassende Begründung des kausaltheoretischen Szenarios
Die Kausaltheorie beschreibt pathologische Zustände bzw. funktionelle und strukturelle Hirnveränderungen bei einer Depression, Manie oder Bipolaren Störung auf einer ersten Ursachen-Wirkungs-Ebene, ohne dafür verantwortliche Auslöser zu benennen.
Zu deren Identifizierung muss die Theorie um eine zweite Ursachen-Wirkungs-Ebene erweitert werden. Allen negativen Einflüssen der zweiten Ebene gemein ist deren Potential, die beschriebenen degenerativen Veränderungen und Nervenaktivitätsstörungen auf der ersten Ebene zu verursachen. Durch die Verknüpfung beider Ursachenebenen ergibt sich ein multikausales Modell.
Den Übergang von der Kausaltheorie zur multikausalen Theorie markiert eine vierte These, welche die pathologischen Aktivitäts- und Strukturveränderungen von Nervenzellen, Gliazellen und Gehirnarealen in Übereinstimmung mit Rudolf Virchows Zellpathologielehre mit Fehlprozessen im Inneren der Zellen in einen ursächlichen Zusammenhang bringt. Auf Grundlage dieser vierten These wird in einem weiteren Schritt ein Mix aus acht Kategorien endogener Fehlprozesse abgeleitet, aus denen zehn Situationen resultieren, die den dreistufigen degenerativen Modellverlauf charakterisieren.
Kapitel 2 – Ein aggregiertes Zellmodell als Basis einer multikausalen Theorie►
Das nächste Ziel ist die Identifikation endogener Zellschwachstellen, denn diese sind in der Lage, die in der Kausaltheorie beschriebene Situation durch die von ihnen ausgelösten Zellprozessstörungen mitzuverursachen.
Dazu benötigt man ein aggregiertes Zellmodell, das sich auf die wesentlichen Stoffwechselprozesse konzentriert.
Dieses Zellmodell wird im zweiten Kapitel erarbeitet. Identifikation, Analyse und Bewertung endogener Zellschwachstellen erfolgen dann im darauffolgenden Kapitel 3 auf der Basis dieses Zellprozessmodells.
Zellprozesse und die Rolle der Proteinbiosynthese
Das Zellprozessmodell vereint vier grundlegende Prozessbereiche:
Peptide und deren Synthese sind zentrale Modellbestandteile, denn sie bilden die Grundlage sämtlicher Zellprozesse. Jeder Prozess wird als eine durchgehende Abfolge vom Ablesen der genetischen Information auf der DNA über die Proteinbiosynthese bis zum einsatzfähigen Enzym bzw. Protein ‑ einschließlich dessen Aktivitäten ‑ verstanden.
Dabei übernimmt die Proteinbiosynthese eine Sonderrolle als ein allen nachfolgenden Abläufen vorgelagerter Hauptprozess auf einer oberen Zellprozessebene. Enzyme, Proteine und die meisten mit ihnen verbundenen Abläufe bilden die untere Zellprozessebene.
Lediglich die Enzyme und Proteine zur Durchführung der Proteinbiosynthese machen eine Ausnahme. Sie gehören als Substanzen zwar zur unteren Prozessebene, ihre Aktivitäten im Rahmen der Proteinsynthese jedoch zur oberen Ebene. Daraus resultiert ein Kreislauf zwischen der unteren und oberen Zellprozessebene bei der Proteinbiosynthese.
Auch Kern- und Zellteilung weisen einen vergleichbaren Prozesskreislauf auf zwischen der Mutterzelle und den beiden aus ihr hervorgehenden Tochterzellen.
Darüber hinaus stehen die Energieversorgungsprozesse mit sämtlichen Prozessen in Verbindung, denn ohne Energie ist kein Stoffwechsel denkbar.
Daraus folgen vier wichtige Prozessmodell-Charakteristika:
Die Proteinbiosynthese wird aufgrund ihrer fundamentalen Bedeutung ausführlicher beschrieben.
Peptide und Faktoren verantworten den Zellstoffwechsel gemeinsam
Zellprozesse benötigen neben Peptiden, das sind insbesondere Enzyme und Proteine, und Monoaminen noch weitere Substanzen, die als Faktoren bezeichnet werden. Ein Faktor übernimmt mindestens eine der nachfolgenden wichtigen Funktionen:
Bei den Faktoren handelt es sich um folgende acht Substanzen:
Hinweis: Einige Substanzen, beispielsweise die fünf Nukleinbasenmoleküle Adenin, Guanin, Cytosin, Thymin und Uracil, Hormone oder Mucopolysaccharide werden im Modell nicht gesondert als Faktoren berücksichtigt. So sind Basen als Elemente von DNA und RNA Modellbestandteile. Hormone oder Mucopolysaccharide werden mithilfe von Peptiden und auf Grundlage der acht Faktoren synthetisiert und sind somit im Modell indirekt repräsentiert.
Kapitel 3 – Identifizierung und Bewertung der Zellschwachstellen►
Um herauszufinden, welche Zellbereiche unabhängig von äußeren Einflüssen besonders störanfällig sind, werden die dortigen Ursache‑Wirkungs‑Zusammenhänge auf Grundlage des Zellprozessmodells analysiert.
Da das Zellmodell zwei Prozesskreisläufe und eine komplexe Verknüpfung des Energiestoffwechsels mit allen anderen Prozessen aufweist, ist eine absolute Bestimmung von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen, das heißt einer absoluten Kausalität, nicht möglich. Durch eine isolierte Betrachtung wichtiger Teilbereiche lassen sich jedoch relative Kausalitäten definieren, was zur Identifikation von Zellschwachstellen ausreicht.
Kausalität zwischen Proteinbiosynthese und sämtlichen Folgeprozessen
Ein bedeutender Bereich des Zellstoffwechsels ist die Proteinbiosynthese und ihre beiden Teilprozesse Transkription und Translation, mit denen sämtliche Peptide, hauptsächlich als Enzyme und Proteine, hergestellt werden.
Eine zentrale (relative) Kausalbeziehung lautet daher:
Transkription → mRNA → Translation → Peptide
Das scheint trivial, ist aber sehr bedeutend und wird in der Regel wenig beachtet: Sämtliche Peptide lassen sich kausal auf die Proteinbiosynthese (= Transkription und Translation) zurückführen.
Da die restlichen Zellprozesse nach der Proteinbiosynthese grundsätzlich auf Peptidaktivitäten basieren, kann eine allgemeingültige Prozesskette abgeleitet werden:
Transkription → mRNA → Translation → Peptide → Zellprozesse (Peptidaktivitäten)
Die zentrale Erkenntnis lautet: Die Proteinbiosynthese ist kein isolierter Prozess, sondern ein Bestandteil jedes einzelnen Zellablaufs. Dies hat weitreichende Folgen für die weiteren Analysen und weicht von allen traditionellen Auffassungen ab, bei denen Proteinbiosynthese und Folgeprozesse getrennt voneinander betrachtet werden, was die nachfolgende Darstellung beispielhaft veranschaulicht:
Zellprozess 1 (Transkription)
Zellprozess 2 (Translation)
Zellprozess 3 (...)
Zellprozess 4 (...)
...
...
Zellprozess 50.000 (...)
...
Zellprozess X (...)
Eine solche Sicht wird der Tatsache jedoch nicht gerecht, dass es eine Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen Proteinbiosynthese und sämtlichen Zellprozessen gibt. Diese traditionelle Sicht widerspricht damit nicht nur den tatsächlichen biologischen Gegebenheiten in einer Zelle, sie macht es darüber hinaus auch unmöglich, Zellschwachstellen klar einzugrenzen.
Eine korrekte Modelldarstellung von Zellprozessen wäre demnach folgende:
Transkription Gen A → mRNA A → Translation → Peptid A → Zellprozess A
Transkription Gen B → mRNA B → Translation → Peptid B → Zellprozess B
Transkription Gen C → mRNA C → Translation → Peptid C → Zellprozess C
Transkription Gen D → mRNA D → Translation → Peptid D → Zellprozess D
...
...
Transkription Gen X → mRNA X → Translation → Peptid X → Zellprozess X
Mit dieser Sichtweise erhält die Proteinbiosynthese den ihr zustehenden höchsten Stellenwert des Zellstoffwechsels.
Die Bedeutung der Substanzen: DNA, mRNA, Peptide und Faktoren
Nach dieser prozessorientierten Analyse werden sämtliche Zellsubstanzen bzw. -substanzengruppen analysiert, die ebenfalls Zellprozessmodellbestandteile sind:
Die beiden erstgenannten Substanzen, die Nukleinsäuren Zell-DNA und mRNA, üben während des Proteinbiosyntheseprozesses eine rein passive Informationsübertragungsfunktion aus.
Gleichwohl können sie während der Prozesse Schaden erleiden. Beispielsweise unterliegt die Zell‑DNA einer Mutationsgefahr. Somatische DNA‑Mutationen sind ‑ meist unerwünschte ‑ Veränderungen von DNA‑Basensequenzen oder ganzen Chromosomen einer Körper‑ oder Nervenzelle.
Die verbleibenden neun Substanzen bzw. Substanzengruppen der Peptide und Faktoren gehören im Gegensatz zur Zell-DNA und mRNA zu den aktiven Akteuren der Prozesse und stellen die Treiber des Zellgeschehens dar:
Peptide + acht Faktoren/Faktorengruppen => Zellprozesse
Damit besteht eine faktische Deckungsgleichheit von neun Substanzen bzw. Substanzengruppen mit den Zellprozessen, was als Kongruënz bezeichnet wird: Zellprozesse basieren ausschließlich auf der Existenz dieser neun Substanzen/-gruppen. Bei Anwesenheit dieser Substanzen in den benötigten Mengen und korrekten Formen entfalten sich die Zellprozesse automatisch fehlerfrei.
Ein Blick auf das Prozessmodell zeigt weiter, dass Peptide durch das Zusammenspiel der Faktoren während der Proteinbiosynthese entstehen. Daher müssen sie nicht mehr Bestandteile der Kongruënzannahme sein, sie werden ‑ mathematisch ausgedrückt ‑ „gekürzt“. Eine andere Argumentation basiert darauf, die Peptide als Endprodukte des Hauptprozesses aufzufassen. In diesem Falle sind sie schon Bestandteile der rechten Prozessseite der Kausalbeziehung, vergleichbar mit Zell-DNA und mRNA, was aber zum gleichen Ergebnis führt. Die Kausalbeziehung vereinfacht sich zu:
Acht Faktoren/Faktorengruppen => Zellprozesse
Sämtliche Zellprozesse basieren damit ausschließlich auf der Existenz von acht Faktoren/Faktorengruppen, was auch als mathematische Funktion ausgedrückt werden kann:
Zellprozesse = f (Faktoren/Faktorengruppen)
Nur wenn eine Zelle ausreichend über alle sieben stoffwechselaktiven Faktoren auf Grundlage einer fehlerfreien ursprünglichen Erbinformation als achtem Faktor verfügt, ist die korrekte Synthese aller Enzyme und Proteine und damit auch der optimale Ablauf aller Prozesse gewährleistet.
Wenn aber Faktoren in ihrer Gesamtheit für Zellprozesse verantwortlich sind, müssen sie zwangsläufig in ihrer Gesamtheit auch für Zellprozessfehler (mit‑)verantwortlich sein:
Zellprozessfehler = f (Fehlerhafte Faktoren/Faktorengruppen)
Acht Faktoren(-gruppen) ergeben somit acht Zellschwachstellen, die jeweils durch Faktorenmängel bzw. Faktorenmangelversorgung charakterisiert sind:
Postulat der Dominanz der Kausalfaktoren über alle Zellprozesse
Die ursprüngliche Kongruënzannahme, die acht Faktoren und Peptide umfasst, kann jetzt um die Gruppe der Peptide reduziert werden. Es besteht eine Kongruënz schon zwischen acht Faktoren und sämtlichen Prozessen. Das wird als Postulat der Dominanz der Faktoren über die Prozesse oder kurz als Dominanzpostulat bezeichnet.
Aufgrund des dominanten und kausalen Charakters der Faktoren und ihres Potentials, Hauptprozess (obere Prozessebene) und Nachfolgeprozesse (untere Prozessebene) zu stören, werden die acht Faktoren bzw. Faktorengruppen als Kausalfaktoren bezeichnet:
Zellprozesse = f (Kausalfaktoren)
Übertragungs- und Codierungsfehler von DNA und mRNA
Neben acht Zellschwachstellen drohen einer Zelle jedoch auch Gefahren durch schadhafte Veränderungen an der DNA‑Vorlage oder mRNA, was weiter oben schon kurz angedeutet wurde, in der Analyse aber noch zu berücksichtigen ist.
Es stellen sich drei Fragen, insbesondere die letzte Frage ist hier von Bedeutung:
DNA- oder mRNA-Veränderungen können Folgen von Codierungsfehlern während einer Informationsübertragung sein: von DNA auf DNA bei der Replikation, von DNA auf mRNA bei der Transkription und von mRNA auf Peptide während der Translation. Ebenfalls entstehen DNA‑Fehler auch unabhängig von der Informationsübertragung aufgrund anderer zellphysiologischer Vorgänge. Vergleichbares gilt auch für größere Chromosomenschäden.
Entscheidend sind hier jedoch nur Gencodeveränderungen oder sonstige Schäden an der DNA‑Vorlage, denn nur sie haben das Potential, sich dauerhaft zu manifestieren und den Zellstoffwechsel langfristig zu schädigen. Die Problematik von mRNA-Schäden aufgrund physiologischer Vorgänge oder der Informationsübertragung spielt im Zellprozessmodell daher keine Rolle.
Zellen verfügen über verschiedene DNA-Reparaturverfahren. Scheitert eine DNA-Reparatur, werden die nun beständigen DNA-Veränderungen als somatische Mutationen bezeichnet. Somatische Mutationen können die Proteinbiosynthese negativ beeinflussen, indem sie dauerhaft zu schädlichen ncRNA- und Peptidveränderungen auch in den nachfolgenden Tochterzellen führen.
DNA-Reparaturprozesse sind ‑ wie alle anderen Prozesse auch ‑ von der Qualität und Verfügbarkeit der Kausalfaktoren abhängig (→ Dominanzpostulat). Damit werden Art und Anzahl der DNA-Mutationen zellphysiologisch von Kausalfaktoren bzw. ihren Mängeln bestimmt: Die besondere Rolle der Kausalfaktoren bleibt erhalten.
Zwar existiert mit der DNA und der Gefahr somatischer Mutationen eine weitere, neunte Zellschwachstelle. Die Kausalfaktoren bleiben aber weiterhin die entscheidenden und damit auch problematischen Zellsubstanzen.
Bewertung der Kausalfaktoren hinsichtlich ihres zellphysiologischen Störungspotentials
Im letzten Schritt wird das Fehlerverursacherpotential bzw. die allgemeine zellphysiologische Relevanz jedes Kausalfaktors bestimmt, für Prozessstörungen potentiell verantwortlich oder mitverantwortlich zu sein.
Bisher liegt ja nur die Erkenntnis vor, dass hauptsächlich Probleme mit acht Kausalfaktoren Zellprozessstörungen verantworten. Diese Erkenntnis ist zwar richtig und wichtig, hilft aber praktisch nicht weiter, da es sich um eine unüberschaubare Menge unterschiedlicher Einzelsubstanzen handelt.
Auf den ersten Blick erscheinen alle acht Kausalfaktoren gleich wichtig und unverzichtbar. Bestimmte Kausalfaktoren müssen jedoch im Vergleich mit anderen Kausalfaktoren bedeutender sein, da sie im Gegensatz zu diesen an besonders sensiblen Stellen in der Zelle aktiv sind.
Die Bestimmung der zellphysiologischen Relevanz erfolgt mit Hilfe von Ursache-Wirkungs-Analysen und anhand geeigneter Relevanzkriterien. Aufgrund einer von der Außenwelt isolierten Analyse handelt sich um eine allgemein-abstrakte Bewertung. Es werden weder bestimmte Zelltypen, Erkrankungen, Veränderungen oder irgendwelche sonstigen Einflüsse von außerhalb berücksichtigt.
Es ergeben sich für Kausalfaktoren vier Relevanzklassen:
Die besondere Rolle nicht-codierender Ribonukleinsäuren
Alle Kausalfaktoren können einer der Relevanzklasse 2, 3 oder 4 zugeordnet werden.
Einzig die Kausalfaktorgruppe der nicht-codierenden Ribonukleinsäuren (ncRNA) erreicht die höchste Relevanzklasse 4. Bei Zellprozessstörungen ist daher nicht nur von einer hohen Wahrscheinlichkeit ihrer Mitbeteiligung auszugehen, sondern auch davon, dass sie absolut gesehen das größte Störpotential aller dysfunktionalen Kausalfaktoren haben.
Beides liegt unter anderem an deren großer Bedeutung für eine funktionierende Proteinbiosynthese und dem Umstand, dass die Gruppe der ncRNA als einzige unter den stoffwechselaktiven Kausalfaktoren auf der DNA codiert sind und damit ausnahmslos in der Zelle selber synthetisiert werden. Damit sind nur sie sowohl durch Mutationen der ursprünglichen elterlichen Erbinformation als auch durch somatische DNA-Mutationen gefährdet.
Kapitel 4 A – Multikausale Theorie - Potentielle Zellschwachstellen und Affektive Störungen►
Kapitel 4 zeigt Verbindungen und Konsequenzen zwischen dem kausaltheoretischen Szenario (→ Kapitel 1) und den Ergebnissen der Kapitel 2 und 3: Wie ist es möglich, dass neun Zellschwachstellen (Teil A) und exogene (Umwelt-)Einflüsse bzw. exogene Stressoren/Noxen (Teil B) in einer Affektstörung münden?
Nach der Ermittlung der allgemeinen Relevanz in Kapitel 3 steht damit die spezielle Relevanz der Zellschwachstellen bzw. Umwelteinflüsse im Zusammenhang mit Affektstörungen im Vordergrund. Nerven- und Gliazellen werden von außen und innen mit verschiedenen Kausalfaktoren versorgt und sind auf vielfältige Weise mit ihrer Umwelt verbunden und von ihr abhängig. Darin liegt eine Gefahr, denn es drohen vielerlei potentiell schädigende Einflüsse.
Die Analyse erfolgt auf der Grundlage hier erörterter Thesen und Modelle. Falls möglich und sinnvoll werden empirische Untersuchungen, Forschungsergebnisse, weitere Theorien oder Erkenntnisse der Erfahrungsmedizin berücksichtigt. Da eine große Anzahl von Noxen in die Untersuchungen einbezogen werden, zwischen denen es manchmal Zusammenhänge gibt und die sich gegenseitig beeinflussen, können redundante Darstellungen nicht immer vermieden werden.
Die Darstellungen in Kapitel 4 sind umfangbedingt zweigeteilt. Teil 4 A beschäftigt sich mit den Folgen von neun Zellschwachstellen, während Teil 4 B sich den restlichen von außen einwirkenden psychosozialen, abiotischen und biotischen Noxen widmet.
In Teil 4 A erfolgt zunächst die Darstellung der Konsequenzen von DNA-Mutationen, danach werden Ursachen und Folgen dysfunktionaler Kausalfaktoren erörtert. Die Kausalfaktoren werden in der Reihenfolge ihrer allgemeinen zellphysiologischen Relevanz diskutiert, wobei mit den geringrelevanten Faktoren begonnen wird:
Kapitel 4 B – Multikausale Theorie - Potentielle exogene Noxen
►
Im Teil 4 B werden die Zusammenhänge zwischen Affektstörungen und folgenden Noxen erörtert:
Die multifaktorielle Ätiopathogenese als multikausales Modell
Die Ergebnisse von Kapitel 4 bestätigen die multifaktorielle Ätiopathogenese auf der Grundlage eines integrierten Gesamtmodells: Jeder Mensch ist im Laufe seines Lebens verschiedenen schädlichen Noxen ausgesetzt, die sein Gehirn kontinuierlich belasten, sich ggf. akkumulieren und die in der Kausaltheorie postulierten hirnorganischen Schädigungen hervorrufen.
Somit steigt die Gefahr des Ausbruchs, Fortbestands oder der Verstärkung einer psychiatrischen Erkrankung, zum Beispiel einer Affektstörung, mit jeder einzelnen Noxe.
Die Anamnese einer Affektiven Störung und Beurteilung ihrer speziellen Entstehungsgründe muss daher im Rahmen einer individuellen Ursachensuche auf beiden Kausalebenen erfolgen und alle endogenen und exogenen Einflüsse aufgrund der besonderen Lebensgeschichte eines Patienten berücksichtigen.
Eine auf diesen Grundsätzen durchgeführte Anamnese ist nicht nur der Schlüssel zum Verständnis individueller Krankenhistorien, sie ist vor allem eine wichtige Grundlage zur Erarbeitung und Durchführung individuell zugeschnittener kausaler Behandlungskonzepte.
Im zweiten Teil werden Therapiekonzepte gegen Affekterkrankungen diskutiert, die den Anforderungen einer ursächlichen Behandlung nach den hier erarbeiteten Modellen genügen.
Es werden zwei Behandlungsebenen unterschieden, die sich an den beiden Kausalebenen der Modelle orientieren.
Auf Ebene 1 wird die Behandlung auf das dysfunktionale zellulär‑organische System fokussiert, auf Ebene 2 stehen die in Kapitel 4 diskutierten externe Einflüsse auf das zellulär-organische System im Vordergrund:
Beide Ebenen sind aus naheliegenden Gründen nicht strikt voneinander zu trennen, da die Kausalfaktorversorgung hauptsächlich exogenen Einflüssen unterliegt (→ Kapitel 4). Diese Zusammenhänge werden bei der Diskussion berücksichtigt.
Mit den Inhalten der folgenden Kapitel sind ausdrücklich keine Heilversprechen verbunden. Alle dargestellten Therapiestrategien beruhen auf den hier erarbeiteten Theorien und Modellen und bilden die Grundlage für Vorschläge künftiger Behandlungsstandards neurologisch-psychiatrischer Erkrankungen. Sie sind nicht als Anleitung zur Selbstmedikation geeignet. Bei gesundheitlichen Problemen sollte umgehend ein Arzt oder Heilpraktiker konsultiert werden.
Im nachfolgenden Kapitel 5 stehen zunächst etablierte symptomatische Behandlungsverfahren im Mittelpunkt.
Kapitel 5 – Symptomatische und pseudo-kausale Therapiekonzepte
Symptomatische und pseudo-kausale Therapien, die lediglich auf die Beseitigung von Symptomen einer Affektiven Störung zielen, werden auf Grundlage hier erarbeiteter Thesen und Modelle analysiert.
Zunächst sind das die wichtigsten Antidepressiva:
Für einen Teil der Patienten sind diese Medikamente durchaus hilfreich, auch wenn sie die Erkrankung nicht heilen können. Bei einem großen Teil Betroffener wiederum sind sie völlig wirkungslos oder wirken nur unzureichend. Das sind vor allem Patienten, bei denen therapieresistente Affektive Störungen diagnostiziert werden. Es werden Hypothesen formuliert, welche Gründe es hierfür geben kann.
Aus der Gruppe symptomatischer nicht medikamentöser Behandlungen werden thematisiert:
Die Darstellung der orthomolekularen Therapie mit hoch dosierten Mikronährstoffen und Aminosäuren (ohne Antioxidantien) erfolgt ebenfalls an dieser Stelle.
Die orthomolekulare Therapie ist abzugrenzen von der Mikronährstoffausgleichstherapie, die nachweisbare Mikronährstoffdefizite (z. B. Vitamin B12 bei B12-Mangel) beseitigt, und der Therapie mit Antioxidantien, welche die Zahl somatischer und durch oxidativen Stress bedingte DNA-Mutationen verringern soll. Diese werden als ursächliche Verfahren bewertet, da bei ihnen Kausalfaktoren zum Einsatz kommen (→ Kapitel 6).
Kapitel 6 – Kausale versorgungsorientierte Therapiekonzepte geringer bis mittlerer Relevanz
Sechs der stoffwechselaktiven Kausalfaktoren werden dem Körper überwiegend über die Nahrung bzw. Atmung zugeführt. Sie haben aufgrund der hier getroffenen Bewertungen (→ Kapitel 3) bei Mangelzuständen bzw. Dysfunktionalität zellphysiologisch eine geringe Relevanz (Aminosäuren, Mikronährstoffe, Lipide/Lipoïde, Wasser) bis mittlere Relevanz (Glukose, Sauerstoff) Zellstörungen zu verursachen.
Dabei handelt es sich um eine Durchschnittsbewertung. Bei einzelnen Patienten kann das anders sein und hängt vor allem von den Lebensumständen ab. So beeinflussen bestimmte chronische Erkrankungen oder eine allgemeine Nahrungsmittelknappheit, zum Beispiel in Ländern der 3. Welt, die Versorgungssituation negativ und dann sind diese Kausalfaktoren für Betroffene natürlich relevanter im Vergleich zu Patienten, die von diesen Situationen nicht betroffen sind.
Die Einsatzmöglichkeiten und Grenzen der Verfahren werden in der Reihenfolge der durchschnittlichen Relevanz der zum Einsatz kommenden Kausalfaktoren beschrieben:
Kapitel 7 – Optimierung der Genregulation durch ncRNA-Substitution
Die Gruppe der nicht‑codierenden Ribonukleinsäuren (ncRNA) hat die höchste zellphysiologische Relevanz unter den Kausalfaktoren. Die ncRNA‑Moleküle werden nicht ‑ wie die anderen stoffwechselaktiven Kausalfaktoren ‑ über Nahrung oder Atmung zugeführt, sondern in gesunden Zellen bedarfsgerecht durch Transkription synthetisiert.
Die Codes der ncRNA-Moleküle befinden sich auf dem gesamten Erbgut und werden zelltypspezifisch abgelesen. Die Forschungsergebnisse der letzten Jahre belegen, dass das menschliche Erbgut hauptsächlich ncRNA-Codes enthält, während die Zahl der Gencodes, die durch Translation in Proteine und Enzyme übersetzt werden, demgegenüber verschwindend gering sind.
Bei durch ncRNA-Mangel verursachten primären Proteinbiosynthesestörungen bestehen unter den Modellannahmen Einsatzmöglichkeiten exogener ncRNA. Ebenfalls sind exogene ncRNA zur allgemeinen Aktivierung der Proteinbiosynthese geeignet.
Eine primär gestörte Proteinbiosynthese* ist das Resultat vor allem...
Mit der ncRNA-Substitution werden zwei Behandlungsziele verfolgt:
Die Strategie der ncRNA-Substitutionstherapie kann mit der Metapher von der Paste beschrieben werden, die in der Tube bleiben muss, weil man sie nicht mehr dorthin zurückbekommt. So schafft eine durch Genregulationsfehler primär gestörte Proteinbiosynthese unzählige Probleme auf der unteren Zellprozessebene, die von dort aus nachträglich nicht mehr oder maximal unzulänglich korrigiert werden können. Daher muss dafür Sorge getragen werden, dass die übergeordnete Proteinbiosynthese optimal durchgeführt wird, und die „Paste in der Tube bleibt“. Dagegen wird mit den meisten konventionellen Therapiekonzepten versucht, durch Interventionen auf der unteren Prozessebene die „Paste wieder in die Tube zu drücken“, was aber nicht gelingen kann.
Einen sehr anschaulichen Vergleich ermöglicht darüber hinaus Plutarch mit seiner Geschichte der Auflösung des Gordischen Knotens. Die Substitution zelltypspezifischer RNA löst den Knoten komplexer und vielzahliger Zellprozessprobleme der unteren Zellprozessebene, indem sie - mit Unterstützung der restlichen Kausalfaktoren - die fehlerhafte Genregulation der oberen Zellprozessebene normalisiert. Sie schafft so die Voraussetzungen, dass sich sämtliche der Proteinbiosynthese nachfolgenden Zellprozesse ebenfalls wieder normalisieren. Das aus einer Vielzahl von Zellen bestehende erkrankte Organ erhält die Voraussetzungen zu einer wesentlichen oder sogar vollständigen Regeneration, da alle unterschiedlichen Organzelltypen mit den fehlenden zellspezifischen RNA versorgt werden.
Individueller Einsatz exogener ncRNA
Auswahl und Einsatz exogener ncRNA sind genau auf den Patientenbedarf abzustimmen, wobei mehrere Fragestellungen berücksichtigt werden müssen:
Kapitel 8 – Verringerung oder Beseitigung physisch-psychischer Stressfaktoren
Im letzten Kapitel von Teil 2 geht es um Strategien gegen chronisch‑somatische Grunderkrankungen bzw. schädliche Umweltbedingungen mit ihren negativen Auswirkungen auf das Zentralnervensystem. Das Gleiche gilt für alle anderen ungünstigen Lebenssituationen, die (Dauer‑)Stress zur Folge haben, zum Beispiel psychische Belastungen oder ein toxisches soziales bzw. familiäres Umfeld. Alle diese Einflüsse haben das Potential, eine Affekterkrankung auszulösen oder zu verstärken (→ Kapitel 4) und behindern den Genesungsprozess.
Chronische Erkrankungen des Körpers müssen hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf das Gehirn bewertet und behandelt werden. Dafür ist ‑ neben herkömmlichen Behandlungsmethoden ‑ auch der (zusätzliche) therapeutische Einsatz zur Verfügung stehender Kausalfaktoren in Betracht zu ziehen, was insbesondere für exogene ncRNA gilt. Letztere vor allem dann, wenn die Erkrankung auf konservativem Wege nur schwer in den Griff zu bekommen ist. Eine ausführliche Darstellung würde den Rahmen dieser Publikation sprengen, so dass sie nur knapp erfolgt und an anderer Stelle fortgesetzt werden muss.
Darüber hinaus sind Situationen zu vermeiden, in denen sich ein Patient ständig erkrankungsverursachenden Situationen aussetzt. Dazu gehört beispielsweise auch die Beseitigung von Lichtmangel oder die Beendigung eines Missbrauchs psychotroper Substanzen.
Zielorientierte tiefenpsychologisch orientierte Psychotherapien und Verhaltenstherapien sollen Hilfestellungen im Alltag bieten. Mit ihrer Hilfe werden psychosoziale Stressfaktoren identifiziert und dem Patienten Vermeidungsstrategien eröffnet. Zusammen mit dem Einsatz von Entspannungstechniken soll auf diese Weise emotionaler und somatischer Stress reduziert werden.
Die wichtigsten Psychotherapie- und Entspannungsverfahren werden hinsichtlich beider Geschichtspunkte beschrieben und bewertet:
Im dritten und letzten Teil (Kapitel 9 und 10) wird geprüft, ob die bisher erarbeiteten Modelle auf andere Nervenerkrankungen übertragbar sind.
Das Resultat ist nicht überraschend: Fast alle zentralnervösen Erkrankungen beruhen auf pathologischen zellulär-molekularen Mechanismen, die auch für Affektstörungen charakteristisch sind.
Diese Einsicht ermöglicht es nun, die schon gegen Affektstörungen erörterten Behandlungsstrategien auch im Zusammenhang mit anderen zentralnervösen Erkrankungen zu diskutieren.
Kapitel 9 – Ursachen und kausale Therapien verschiedener zentralnervöser Erkrankungen
Die Modelle und Erkenntnisse aus der Analyse Affektiver Störungen bilden die Grundlagen für eine Kurzanalyse anderer neurologisch-psychiatrischer Erkrankungen und für die Diskussion kausaler Behandlungsmöglichkeiten.
Dabei geht es nicht nur um Heilung. Viele mit Oligophrenien oder sonstigen neurologischen Ausfällen einhergehende Erkrankungen, beispielsweise Trisomien oder Autismus, sind nicht heilbar im engeren Sinn. Jedoch kann die Substitution vor allem proteinsynthesesteuernder RNA dabei helfen, neurologische Symptome zu verringern durch eine gezielte Unterstützung bei Entwicklung und Optimierung des zentralen Nervensystems im Sinne einer neurologisch-kognitiven Rehabilitation.
Die Überlegungen werden anhand einer an die jeweilige Erkrankung modifizierten Kausaltheorie durchgeführt, die sowohl die Mikro- als auch Makrobetrachtung und das 3-Stufen-Modell betreffen. Endogene und exogene Einflüsse werden berücksichtigt und bewertet im Sinne einer multikausalen Erweiterung.
Es geht um folgende neurodegenerativen Erkrankungen mit Schwerpunkten auf Demenz, Epilepsie, Morbus Parkinson, HOPS, Schizophrenie und dem Tourettesyndrom. Ein weiterer Aspekt sind neurologische Erkrankungen, die primär genetischen Ursprungs sind oder bei denen dies vermutet wird, beispielsweise Chorea Huntington, um die Möglichkeiten einer Optimierung oder Rehabilitation durch ncRNA-Substitution zu diskutieren:
Kapitel 10 – Die zukünftige Therapie zentralnervöser Erkrankungen
In der regenerativen Medizin der Zukunft werden molekulardiagnostische und molekulartherapeutische Verfahren immer wichtiger.
Auf Grundlage der hier diskutierten Modelle müssen bei degenerativen Erkrankungen des Nervensystems auf der zellphysiologischen Ebene alle proteinsynthetisierenden Vorgänge normalisiert werden. Aber auch gegen Nervenerkrankungen, die auf anderen bzw. unbekannten Ursachen beruhen, ist die Optimierung bzw. Aktivierung der Proteinbiosynthese eine Behandlungsoption.
Dabei ist gemäß den Modellen ein konzertierter Einsatz von sieben Kausalfaktoren entscheidend; aufgrund ihrer hohen Relevanz gilt das besonders für die proteinsynthesemodulierenden ncRNA, die zelltypspezifisch substituiert werden müssen.
Aufgrund der hohen Relevanz zelltypspezifischer ncRNA muss deren Anwendung auch in der medizinischen Rehabilitation schwerer neurologischer Erkrankungen zukünftig bedeutsam sein.
Zelltypspezifische ncRNA sind aber auch in der medizinischen Prophylaxe sinnvoll. Ziel dabei ist die Verminderung der Wahrscheinlichkeit eines Ausbruchs degenerativer neurologischer Erkrankungen oder zumindest dessen Verzögerung bei gefährdeten Personen, beispielsweise solchen, die aufgrund familiär-erblicher Faktoren ein höheres Erkrankungsrisiko in sich bergen.
Wenn man mit diesen Maßnahmen die steigende Zahl demenzieller und anderer degenerativer Nervenerkrankungen in Zukunft wesentlich reduzieren könnte und damit auch die Lebensqualität großer Bevölkerungsteile verbessert, ergäbe sich daraus auch eine Reduzierung der immensen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kosten derartiger Erkrankungen.
Politik, Forschung, Medizin und Industrie sollten sich damit ernsthaft auseinandersetzen, wollen sie ihrem Auftrag gerecht werden, zur Gesunderhaltung der Bevölkerung beizutragen.
In Kapitel 10 werden Strategien für eine breite Anwendung hier vorgestellter molekularer Verfahren und Substanzen diskutiert. Das betrifft vor allem folgende Bereiche bzw. Themen:
So sieht eine Begriffserläuterung aus.