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Eine universelle Theorie & Therapie der Erkrankungen des zentralen Nervensystems

 

Vorbemerkungen

 

Intention und erster Überblick

 

 

Zusammenfassungen der
Kapitel 1 bis 10:

 

I. Kausale Theorien

 

TEIL I - Eine ursächliche Theorie Affektiver Störungen

 

1. Grundlagen einer kausalen Theorie Affektiver Störungen

 

2. Ein aggregiertes Zellmodell als Basis einer multikausalen Theorie

 

3. Identifizierung und Bewertung der Zellschwachstellen

 

4. (A) Die multikausale Theorie Affektiver Störungen - Potentielle Zellschwachstellen

 

4. (B) Die multikausale Theorie Affektiver Störungen - Potentielle exogene Noxen

 

 

II. Kausale Therapien

 

TEIL II - Kausale Therapien
Affektiver Störungen

 

5. Symptomatische und pseudo-kausale Therapiekonzepte

 

6. Kausale versorgungsorientierte Therapiekonzepte geringer bis mittlerer Relevanz

 

7. Optimierung der Genregulation durch ncRNA-Substitution

 

8. Verringerung oder Beseitigung sonstiger externer Stressfaktoren

 

 

III. Allgemeine Theorie

 

TEIL III - Eine allgemeine Theorie und Therapie zentralnervöser Erkrankungen

 

9. Ursachen und kausale Therapien verschiedener zentralnervöser Erkrankungen

 

10. Die zukünftige Therapie zentralnervöser Erkrankungen

 

 

 

 

 

 

 

 

Einführung

 


Nach seinem Sieg am Granicus erreichte Alexander die Stadt Gordion in Kleinasien. Er besichtigte dort den bekannten Wagen, dessen Teile mit Seilen aus Bast zusammengebunden waren, und deren Knoten noch niemand auflösen konnte.


Es ging die Sage, dass nämlich derjenige, der die Seile löse, dazu bestimmt sei, über ganz Asien zu herrschen. Als Alexander die Anfänge des Knotens nicht finden konnte, nahm er sein Schwert und durchtrennte ihn mit einem einzigen Hieb.

- Plutarch: Alexander -

 

 

 

Pluralität darf niemals ohne Notwendigkeit postuliert werden.

 

- Wilhelm von Ockham -

 

 

 

 

Vorbemerkungen

 

Die Anzahl der Menschen mit Erkrankungen des Zentralnervensystems steigt seit Jahren weltweit massiv an. Die Ursachen zahlreicher Nervenerkrankungen gelten immer noch als unbekannt. Der überwiegende Teil von ihnen wird standardmedizinisch bis heute entweder gar nicht oder nur mit unzureichend wirksamen Verfahren behandelt.

 

Ein sich seit 1998 vollziehender molekularbiologischer Paradigmenwechsel durch die Entdeckung spezieller genregulatorischer Prozesse ist immer noch nicht in Form standardisierter medizinischer Verfahren angekommen, obwohl die mit diesen Erkenntnissen korrespondierenden Behandlungsmethoden zur Verfügung stehen.

 

Und genau darum geht es in der vorliegenden Web-Publikation:

 

 

 

Die Webseiten enthalten umfassende Analysen neurologisch-psychiatrischer Erkrankungen mit besonderem Schwerpunkt auf Affektstörungen. Das komplexe Geschehen im Gehirn ‑ insbesondere auf Zellebene ‑ und viele Interaktionen des Gehirns mit der Umwelt werden integrativ analysiert und bewertet.

 

Das Ergebnis ist eine radikale Veränderung des Verständnisses der Ursachen von Nervenerkrankungen und ihrer Behandlungsmöglichkeiten.

 

Auf dieser Seite macht zunächst ein komprimierter Überblick einschließlich einer kurzen Vorstellung der Methodik mit den wichtigsten Fakten vertraut (→ Intention und erster Überblick, Lesedauer ca. 25 bis 30 Minuten).

 

Danach folgen kurze Zusammenfassungen der Teile I, II und III mit den Kapiteln 1 bis 10, die einen leichteren Einstieg in jedes Kapitel ermöglichen. Sprungmarken zu Beginn jeder Kapitelzusammenfassung vereinfachen den Zugriff auf die ausführlichen Texte.

 

Die umfangreichen Inhalte sind in zehn aufeinander aufbauende Kapitel gegliedert. Um aussagekräftige Modelle zu entwickeln, wurden komplexe Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Akteuren analysiert. Für das grundsätzliche Verständnis sind diese Details jedoch nicht entscheidend. Seiten und Texte wurden daher so strukturiert, dass Querlesen bzw. partielles Lesen möglich ist. Auf die Verständlichkeit aller Texte und Graphiken wurde geachtet. Vorkenntnisse sind nützlich, aber nicht notwendig. Bei komplexen Sachverhalten erleichtern Schaubilder, Graphiken, Videos und Animationen den Überblick.

 

Zusätzliche Informationen zum Herunterladen sowie Hinweise zu weiteren Textquellen und Literaturempfehlungen bietet die Seite Links & Downloads. Das Glossar enthält Erläuterungen zu Fachbegriffen.

 

Die Inhalte werden kontinuierlich erarbeitet, bearbeitet und bei Bedarf ergänzt, derzeit ist der erste Teil mit den Kapiteln 1 bis 4 (Kausale Theorien) fast vollständig, die restlichen Kapitel kommen nach und nach hinzu:

 

Erster Überblick, Zusammenfassungen der Kapitel - fertiggestellt, wird kontinuierlich angepasst

Kausaltheorie - fertiggestellt, wird kontinuierlich aktualisiert

Zellprozessmodell - fertiggestellt, wird kontinuierlich aktualisiert

Identifizierung und Bewertung der Zellschwachstellen - fertiggestellt, wird kontinuierlich aktualisiert

Multikausale Theorie, Teil A (Zellschwachstellen) - fertiggestellt, wird kontinuierlich aktualisiert

Multikausale Theorie, Teil B (Sonstige exogene Noxen) - in Bearbeitung

II. Kausale Therapien - in Konzeption

III. Allgemeine Theorie - in Konzeption

Links & Downloads - wird kontinuierlich ergänzt

Glossar - im Aufbau, wird kontinuierlich ergänzt

Blog - geplant

 

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Technisches und Browser-Kompatibilität

 

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Intention und erster Überblick

 

Die Steigerung von Fällen neurologischer bzw. psychiatrischer Erkrankungen während der letzten Jahrzehnte ist zum Teil eine Folge medizinischer Fortschritte in der Behandlung infektiöser, innerer und maligner Erkrankungen. Erfreulicherweise hat sich der Altersdurchschnitt der Bevölkerung dadurch erhöht, jedoch fehlen nun effektive Standardtherapien gegen neurologische und vor allem neurodegenerative Erkrankungen bei einer immer älter werdenden Bevölkerung. Und gerade auch mangels effektiver Standardtherapien steigt die Patientenzahl weiter an. Therapeutische Fortschritte ‑ zum Beispiel gegen demenzielle Erkrankungen, Morbus Parkinson oder Multiple Sklerose ‑ finden praktisch nicht statt.

 

Bei Depression, Manie und Bipolarer Erkrankung, die auch als Affektive Störungen bezeichnet werden, sieht es nicht besser aus. Deren Ursachen scheinen seit jeher unklar, ebenso die Gründe für ihr immer häufigeres Auftreten. Es fehlen Modelle, die Affekterkrankungen umfassend beschreiben und erklären. Stattdessen werden voneinander unabhängige Ursachen angenommen und zusammenfassend als multifaktorielle Ätiopathogenese bezeichnet, ohne sie in einen Gesamtzusammenhang zu stellen. Antidepressiva wirken bei einem großen Teil der Erkrankten nur unzulänglich, Studien zeigen, dass einzelne Präparate keine Wirkungen entfalten, die über den Placeboeffekt hinausgehen.

 

In Psychiatrie, Psychosomatik, Neurologie, Neuropathologie, Endokrinologie, Pharmazie, Genetik und Psychologie konkurrieren unterschiedliche und zum Teil widersprüchliche Ansichten über die Ursachen affektiver Erkrankungen, so dass sich kein fachübergreifend schlüssiges Krankheitsverständnis entwickeln kann.

 

 

Exkurs 1: Das 9-Punkte-Experiment als Allegorie für das Lösen scheinbar unlösbarer Aufgaben

 

Seit dem Jahre 1963 wird kognitionspsychologisch mit dem 9‑Punkte‑Test untersucht, ob Probanden eine Lösung für auf den ersten Blick Unlösbares zu finden in der Lage sind. Dabei sollen neun quadratisch angeordnete Punkte innerhalb einer vorgegebenen Zeit mit maximal vier geraden Linien verbunden werden, ohne den Stift abzusetzen und ohne eine Linie doppelt zu zeichnen ( Abbildung A). Die meisten Teilnehmer geben nach etlichen Versuchen auf. Kaum jemand bewältigt diese Aufgabe, und nur sehr wenige erzielen eine Lösung. Weiter unten wird eine Lösung präsentiert ( Abbildung H) und gezeigt, warum diese Aufgabe schwierig ist, und was dieses Experiment mit den Themen zu tun hat, um die es auf diesen Webseiten geht.

 

 

ABBILDUNG A: DER 9-PUNKTE-TEST

 

 

Abbildung A: Neun Punkte sollen geradlinig mit vier oder weniger Linien verbunden werden, ohne den Stift abzusetzen. Ebenfalls darf keine Linie doppelt gezeichnet werden.

 

 

 

 

Eine ursächliche Analyse zentralnervöser Erkrankungen in drei Teilen

 

Die hier zu diskutierenden kausalen Theorien schaffen im Teil I die Verbindung zwischen einem allgemeinen und einem multifaktoriellen Modell affektiver Erkrankungen. Das allgemeine Modell zeigt, wie ungünstige Veränderungen der Aktivitäten von Nerven- und Gliazellen in den für die Verarbeitung von Affekten entscheidenden Hirnarealen zu Störungen der Reiz- und Informationsverarbeitung führen, und infolgedessen affektive Erkrankungen entstehen können. Multifaktorielle Einflüsse verantworten diese Störungen sekundär durch Qualitäts- bzw. Versorgungsprobleme mit zellwichtigen Substanzen bzw. in der Form schädlicher Einwirkungen von innen und außen durch endogene bzw. exogene Noxen.

 

Im darauffolgenden Teil II dreht sich alles um Therapiestrategien gegen Affekterkrankungen, die sich an den zuvor aufgestellten Ursachenhypothesen orientieren.

 

Im Teil III wird geprüft, ob sich die Modelle auch auf andere Nervenerkrankungen übertragen lassen, zum Beispiel auf verschiedene Demenzformen, Morbus Parkinson, Schizophrenie, Multiple Sklerose oder Epilepsie.

 

 

Psychiker versus Somatiker

 

In der Mitte des 19. Jahrhunderts entstand die Zelltheorie. Der Berliner Arzt Rudolf Virchow (1821 ‑ 1902) veröffentlichte 1858 seine Zellpathologielehre. Damals fing man an zu verstehen, dass die Leistungen eines Organs und des gesamten Körpers auf den Leistungen der Zellen und deren Zusammenarbeit beruhen. Rudolf Virchow zog daraus den Schluss, Krankheiten als unmittelbare Folgen von Zellstörungen zu betrachten.

 

Diese grundlegenden Zusammenhänge werden vor allem in der Psychiatrie auch noch heutzutage nur unzureichend gewürdigt. Denn trotz der Arbeit des Neurologen Jean‑Martin Charcot (1825 ‑ 1893), der schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts am Pariser Hôpital de la Salpêtrière nach hirnorganischen oder anderen physischen Ursachen psychiatrischer Erkrankungen suchte und von der Möglichkeit physiologischer Veränderungen bzw. Läsionen im Gehirn überzeugt war, wurden vor allem psychoanalytische, später tiefen- und verhaltenspsychologische (Erlernte Hilflosigkeit, Verstärker-Verlust-Theorie nach Lewinsohn, Kognitive Theorie von A. T. Beck etc.) oder sozialwissenschaftliche Modelle entwickelt, die potentielle Ursachen affektiver und anderer psychiatrischer Erkrankungen postulierten, ohne einen ausreichenden Bezug zu organischen Aspekten des Gehirns herzustellen.

 

Bis heute ist der Gegensatz zwischen Psychikern und Somatikern nicht überwunden: Während Psychiker psychiatrische Erkrankungen auf seelische, nicht-körperliche Ursachen zurückführen, gehen Somatiker von Erkrankungen oder Veränderungen aus, die das Zentralnervensystem oder periphere Organe betreffen.

 

Daran ist der immer noch einflussreiche österreichische Psychiater Sigmund Freud (1856 ‑ 1939) nicht unschuldig, da er sich im Laufe seiner wissenschaftlichen Karriere immer weiter von dem Gedanken einer neurologischen Grundlage psychiatrischer Erkrankungen entfernte. Am Beginn seiner Laufbahn wurde Freud sowohl vom Somatiker Jean‑Martin Charcot als auch von dem aus Sachsen stammenden Psychiater und Neuropathologen Theodor Meynert (1833 ‑ 1892) beeinflusst. Meynert war ein weiterer Vertreter der Somatiker, die Verbindungen zwischen dem Gehirn als Organ und psychiatrischen Erkrankungen annahmen. Der Titel seines bekanntesten Werks aus dem Jahr 1884 weist den Weg: „Psychiatrie. Klinik der Erkrankungen des Vorderhirns“.

 

Im Jahre 1883 - also nur ein Jahr vor Erscheinen von Meynerts Buchs ‑ behauptete Sigmund Freud, dass es keine organischen Erklärungen der Hysterie gebe, „dass die Schädigungen der hysterischen Lähmungen vollkommen unabhängig von der Anatomie des Nervensystems sein müssen, da sich die Hysterie in ihren Lähmungen und anderen Manifestationen verhält, als gäbe es die Anatomie nicht und als hätte sie keinerlei Kenntnis von ihr.“ (Quellen: Sigmund Freud, Gesammelte Werke, London 1952; Oliver Sacks, Der Strom des Bewusstseins, Rowohlt Verlag, Reinbek 2017). Nach Freud handelt es sich bei psychiatrischen Erkrankungen um nicht organisch bedingte Störungen von „Seele und Geist“. Freud hielt zeitlebens an dieser mittlerweile völlig überholten Hypothese fest und beeinflusst dadurch auch heute noch die Diskussionen über die Ursachen affektiver und anderer psychiatrischer Erkrankungen.

 

Vermutungen über eine neurologische Grundlage psychiatrischer Erkrankungen gab es sogar schon lange bevor Theodor Meynert sein Hauptwerk 1884 veröffentlichte. Wilhelm Griesinger (1817 ‑ 1868), ein renommierter Psychiater aus Württemberg, schrieb im Jahre 1845 ‑ also sogar noch vor den Arbeiten Rudolf Virchows zur Zellphysiologie ‑ im damaligen Standardwerk für Psychiatrie: „Die vorliegende Schrift beschäftigt sich mit der Lehre von der Erkenntnis und Heilung der psychischen Krankheiten (...); die Aufstellung der ganzen Gruppe der psychischen Krankheiten ist aus einer symptomatologischen Betrachtungsweise hervorgegangen und ihr Bestehen ist nur von einer solchen aus zu rechtfertigen. Der erste Schritt zum Verständnis der Symptome ist ihre Localisation. Welchem Organ gehört das Phänomen (...) an? - Welches Organ muss also überall und immer notwendig erkrankt sein (...)? - Die Antwort auf diese Frage ist die erste Voraussetzung der ganzen Psychiatrie. Zeigen uns physiologische und pathologische Tatsachen, dass dieses Organ nur das Gehirn sein kann, so haben wir vor allem in den psychischen Krankheiten jedesmal Erkrankungen des Gehirns zu erkennen.“ (Quelle: Wilhelm Griesinger, Die Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten, Verlag Krabbe, Stuttgart 1845).

 

 

Das Gehirn - ein auch im 21. Jahrhundert immer noch unverstandenes Organ?

 

Rückblickend sind die Standpunkte der Psychiker durchaus nachvollziehbar, war das Gehirn im 19. Jahrhundert schließlich noch wissenschaftliches Neuland. Im 21. Jahrhundert wirken solche Ansichten aber vor allem rückständig.

 

So wurden ‑ und werden auch noch heutzutage ‑ abenteuerliche Hypothesen über die Ursachen psychiatrischer Erkrankungen konstruiert. Der niederländische Hirnforscher Dick Swaab schildert Missverständnisse bei Autismus-Diagnosen, die in den 1960er Jahren Leo Kanner unterliefen. Kanner, ein Kinder- und Jugendpsychiater aus Baltimore/USA, beschrieb 1946 als Erster ein Krankheitsbild, das heute Frühkindlicher Autismus genannt wird. Dazu Dick Swaab: „Autismus wird erst seit ziemlich kurzer Zeit als eine Entwicklungsstörung des Gehirns gesehen, die sich bereits in der Gebärmutter ausbildet. Vor dreißig Jahren habe ich noch erlebt, dass nach umfangreichen Untersuchungen durch Psychiater und Psychologen die Eltern eines Kindes, das von Anfang an «anders» war, nicht nur die Diagnose Autismus verkraften mussten, sondern auch die Aussagen, dass ihre Erziehung dieses Problem verschuldet habe. Verantwortlich hierfür war Kanner, der behauptet hatte, Autismus sei eine Reaktion auf fehlende Mutterliebe. Selbst 1960 vertrat er noch die Ansicht, dass die «Kühlschrankmutter» (refrigerator mother) autistischer Kinder nur ganz kurz aufgetaut sei, um das Kind zu zeugen. Wie viele Eltern wurden durch diese absurde Vorstellung wohl völlig zu Unrecht bestraft?“ (Quelle: Dick Swaab, Wir sind unser Gehirn, Droemer Verlag, München 2011).

 

Dabei liegt es spätestens seit Rudolf Virchow nahe, dass das Gehirn gleiche oder ähnliche physiologische Erkrankungspotentiale in sich birgt wie jedes andere Organ. Theorien oder Modelle, die solche Aspekte unzureichend berücksichtigen, sind mit Recht als substanzlos zu bezeichnen und halten auch keiner wissenschaftlichen Überprüfung stand.

 

Sogar Morbus Parkinson, an dessen hirnorganischen Ursachen heute keine Zweifel bestehen, wurde bis in die 1950er Jahre als psychogen-neurotische, das heißt nicht organisch bedingte psychiatrische Störung aufgefasst, obwohl der russische Neuropathologe Konstantin Tretjakov schon im Jahre 1919 entdeckte, dass Degenerationen bestimmter Hirnareale in einem Zusammenhang mit der Erkrankung stehen. Psychiater waren dennoch überzeugt, Parkinsonkranke seien charakterlich gefühlsarm und die Schüttellähmung sowie das maskenhafte Gesicht Ausdruck unterdrückter Emotionen. US‑amerikanische Nervenärzte vertraten die Theorie, Morbus Parkinson beruhe auf Zwangsstörungen und unterdrückter Aggressivität.

 

Man versetze sich in die Situation hilfesuchender Parkinsonpatienten, die mit derart vulgärpsychologischen Deutungsversuchen konfrontiert wurden. In der Regel spüren Betroffene, dass solche hilflosen und abstrusen Erklärungsversuche jeder Grundlage entbehren.

 

Seit den 1960er Jahren bestätigten Forschungen die Ursachen der Parkinsonerkrankung, die auf Dopaminmangel und degenerativen Veränderungen autonomer Hirnstrukturen beruhen, die Tretjakov fast fünfzig Jahre zuvor beschrieb. Und trotz all dieser Erkenntnisse: Es gibt bis heute keine befriedigenden Therapiestandards gegen Morbus Parkinson, obwohl die Entdeckung der Ursachen durch Tretjakov nun schon weit zurückliegt.

 

 

Das Prinzip Zufall in der pharmazeutischen Behandlung affektiver Erkrankungen

 

Erst Ende der 1950er Jahre kamen Medikamente auf den Markt, die zellphysiologische Prozesse im Gehirn beeinflussen und zur Behandlung affektiver Erkrankungen eingesetzt werden. Forscher entdeckten diese Substanzen jedoch zufällig, da sie zunächst zur Behandlung völlig anderer oder anderer psychiatrischer Erkrankungen vorgesehen waren. Beispiele sind das Tuberkulosemedikament Iproniazid und das zunächst gegen Schizophrenie entwickelte Imipramin. Später wurden beide zur Therapie der Depression verwendet.

 

Bis heute setzen sich Pharmazeuten nur unzureichend mit organischen Ursachen Affektiver Störungen auseinander. Sie favorisieren kritikwürdige Behandlungsstrategien der Manipulation bestimmter Neurosubstanzen, deren tatsächliche Verbindungen mit der Krankheitsentstehung völlig unklar sind und von vielen Fachleuten bezweifelt werden.

 

 

Die Monoaminmangelhypothese - das unbewiesene Dogma der Psychiatrie

 

Allein aufgrund der Annahme, monoamine Reizüberträgersubstanzen ‑ wie beispielsweise Serotonin ‑ ständen mit einer Depression in einem ursächlichen Zusammenhang, wird seit Anfang der 1970er Jahre die These vertreten, eine Erhöhung der Monoaminkonzentrationen an bestimmten Stellen im Gehirn müsse positive klinische Effekte haben. Im Jahre 1988 kam in den USA das erste Medikament mit der Handelsbezeichnung Prozac auf den Markt, dessen Wirkungsweise mit dieser bis heute unbewiesenen Monoaminmangelhypothese begründet wurde.

 

Schwachpunkte der Monoaminmangelhypothese sind sowohl fehlende Nachweise als auch fehlende plausible Annahmen über Ursachen und Wirkungen. Die ungenügende Auseinandersetzung mit diesen Defiziten und wenig innovative Forschungen führten dazu, dass Medizin und Pharmazie immer noch keine wesentlichen Fortschritte vorzuweisen haben - weder beim Verständnis der Ursachen der Erkrankung noch bei der Behandlung. Die in den 1950er bis 80er Jahren entwickelten Medikamente sind bis heute fast unverändert die Grundlagen breitenmedizinischer Behandlungen, obwohl die Kritik an ihnen aus mehreren Richtungen seit Jahren massiv zunimmt. Studien und Anwendungserfahrungen zeigen, dass die Substanzen nur bei etwa einem Drittel der Patienten zu nennenswerten Verbesserungen führen, für ein weiteres Drittel bringen sie maximal leichte Vorteile. In beiden Fällen können direkte Wirksamkeitsnachweise nicht erbracht werden. Auf die Symptome des restlichen Drittels haben die Präparate überhaupt keine Wirkungen. Darüber hinaus haben die Medikamente häufig unangenehme Nebenwirkungen, die Folgen der Manipulationen der Reizübertragung sind.

 

Da Behandlungen mit diesen Präparaten in der Psychiatrie etabliert sind und die Kosten aufgrund der Leistungskataloge der Krankenkassen und Krankenversicherer übernommen werden, besteht auch von Seiten der Hersteller wenig Motivation, daran etwas zu ändern. Sie haben mangels Erfolgs die Forschung nach wirkungsvolleren Medikamenten so gut wie eingestellt. Stattdessen werden schon erfolgreich vermarktete Präparate pharmakologisch leicht modifiziert und die daraus entstandenen „neuen Präparate“ mit einem Patent versehen, um sie dann möglichst lukrativ auf dem Gesundheitsmarkt anbieten zu können.

 

 

Psychopharmakologie in der Krise

 

Gerhard Gründer, früher Professor für Experimentelle Neuropsychiatrie an der RWTH Aachen und Stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der Uniklinik RWTH Aachen und seit 2018 Leiter des Zentrums für Innovative Psychiatrie- und Psychotherapieforschung am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, gehört zu den Fachleuten, die diesen Zustand kritisieren: „Große Unternehmen haben sich komplett aus dem Bereich zurückgezogen, haben ihre Forschung eingestellt, weil es nicht mehr lukrativ ist. Die Pharmaindustrie ist an Gewinn interessiert, ist ihren Aktionären verpflichtet, und wenn daraus, aus der Forschung nichts herauskommt, dann stellt man das ein. Und das ist in den letzten zehn Jahren geschehen. Es gibt noch eine umfangreichere Forschung bei den neurodegenerativen Erkrankungen, Stichwort Alzheimerdemenz, aber wenn es so um die großen klassischen Krankheiten wie Schizophrenie oder Depression geht, da findet nur noch sehr wenig statt und da muss man ganz klar von einer Krise der Psychopharmakologie sprechen.“ (Quelle: Martin Huber, Die Krise der Psychopharmaka, Feature des Deutschlandfunks vom 2.4.2017, Deutschlandradio, Köln, http://www.deutschlandfunk.de/...).

 

Erst seit relativ kurzer Zeit entwickeln Wissenschaftler neue Ansätze, die Ursachen affektiver Erkrankungen zu entschlüsseln. So gibt es Versuche, Wechselwirkungen zwischen der körperlichen und nicht körperlichen Ebene zu erklären, beispielsweise mit Hilfe verschiedener Stressmodelle, oder die Rolle oxidativer Zellprozesse bei der Entstehung von Affektstörungen zu verstehen. Moderne computergestützte Diagnosetechniken und erste zaghafte Änderungen des Krankheitsverständnisses ermöglichen diese Fortschritte. Leider finden solche Aktivitäten überwiegend in der Forschung statt. Es besteht die Gefahr, dass Erkenntnisse dort versickern und kaum Auswirkungen auf die Behandlungsweisen in den Heilpraxen und Krankenhäusern haben.

 

 

Schwierigkeiten beim Verständnis der Charakteristiken Affektiver Störungen

 

Neben dem Unverständnis über die Ursachen affektiver Erkrankungen gibt es auch viele Missverständnisse über deren Charaktereigenschaften. Auf einem Vortrag über psychiatrische Störungen im Zusammenhang mit chronischen Infektionskrankheiten referierte ein Psychiater über den Fall eines Patienten, der über mehr als zwei Jahre psychotherapeutische Hilfe wegen einer Depression in Anspruch genommen hatte, bevor sich herausstellte, dass ein Vitamin‑B12‑Mangel aufgrund seiner veganen Ernährung für die psychische Situation verantwortlich war. Nach einer B12‑Substitution verschwand die Depression sofort. Der vortragende Arzt kommentierte das mit den Worten, der „Patient hätte also gar keine Depression gehabt“. Meine Frage, welche Diagnose er stattdessen vorschlagen würde, konnte er nicht beantworten.

 

Das Beispiel ist leider kein Einzelfall und demonstriert auf anschauliche Weise die immer noch vorherrschenden diffusen Vorstellungen über psychiatrische Erkrankungen, deren Symptome und Ursachen.

 

Aber nicht nur in der Medizin bzw. Psychiatrie, auch in der psychologisch-therapeutischen Ausbildung wurden über Jahrzehnte Defizite angehäuft. Erich Kasten, Professor für Klinische Psychologie, beschreibt die Folgen: „«Cogito ergo sum» sagte René Descartes vor über 400 Jahren und schuf damit die Zweiteilung von Körper und Seele. Seitdem sind Medizin und Psychologie getrennte Wissenschaften, die oft nur schwer unter einen Hut zu bringen sind. (...) In der Psychotherapie-Ausbildung werden erst seit einigen Jahren auch Kenntnisse über organische Ursachen psychischer Störungen verlangt. Aller Wahrscheinlichkeit nach gelangen jedes Jahr mehrere Tausend Patienten auf die Couch der Psychoanalytiker oder in die Sprechzimmer von Verhaltenstherapeuten, die dort gar nicht hingehören.“ (Quelle: Erich Kasten, http://www.erich-kasten.de/...).

 

Ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang ist die schwierige Objektivierbarkeit psychiatrischer Erkrankungen, denn deren Hauptsymptomatik sind massive Störungen der individuellen Erlebnis- und Gefühlswelt, die von Gesunden oft nur schwer oder gar nicht nachzuvollziehen sind, mögen sie als Ärzte, Heilpraktiker oder Psychologen auch noch so viele Fachausbildungen absolviert oder praktische Erfahrungen mit Patienten gemacht haben.

 

Ein Knochenbruch oder ein Sekundärkarzinom der Leber ist als Erkrankung des Körpers relativ leicht zu begreifen, und Ursachen‑Wirkungs‑Beziehungen sind oft problemlos herzustellen. Aber welches Verständnis ist von Behandelnden bzw. Wissenschaftlern zu erwarten, die Affektstörungen oder Psychosen nur theoretisch aus Büchern oder Patientenschilderungen kennen, sich jedoch beruflich damit praktisch auseinandersetzen müssen? Es ist ‑ auch bei Fähigkeit zur Empathie ‑ vergleichbar mit dem Verständnis von Blinden, die sich mit dem Phänomen der Farben beschäftigen. Aber auch bei persönlichen Krankheitserfahrungen müssen sich Forscher und Therapeuten darüber im Klaren sein, dass sie das Erleben anderer psychiatrisch erkrankter Personen nicht objektiv nachempfinden können. Das ist nicht sarkastisch oder abwertend gemeint, sondern eine Tatsache. Dieser Tatsache sollte sich jeder ‑ Behandelnder und, sofern möglich, auch der Patient ‑ bewusst sein. All das zu beachten ist wichtig, um vor voreiligen und falschen Interpretationen bzw. ineffektiven Therapiebemühungen zumindest bis zu einem gewissen Punkt geschützt zu sein.

 

Die Schwierigkeit, das Wesen affektiver und anderer psychiatrischer Erkrankungen zu verstehen, liegt auch am allgemein falschen bzw. laxen sprachlichen Umgang mit den Begriffen. So werden unreflektiert und nachlässig auf völlig unpassende und verallgemeinernde Weise negative emotionale Zustände oft als depressiv bzw. Depression bezeichnet, die nicht im Entferntesten etwas mit dieser Erkrankung zu tun haben.

 

Auch in Literatur, Theater oder Film werden psychiatrische Erkrankungen häufig realitätsfern dargestellt und die Beschreibungen der Situationen Betroffener bzw. von Erkrankungscharakteristiken dramaturgischen Bedürfnissen angepasst mit der Folge völlig verzerrter Darstellungen, die Leser oder Zuschauer dann als Wirklichkeit missverstehen.

 

 

Viele Köche verderben den Brei

 

Auch die Zersplitterung der Heilkunde in mehrere, zum Teil miteinander konkurrierende Fachgebiete stellt für die Entschlüsselung der Ursachen und Charakteristiken psychiatrischer Erkrankungen ein Hindernis dar. So ist die generelle Teilung der Nervenheilkunde in Psychiatrie und Neurologie ungünstig. In Deutschland gibt es zusätzlich noch eine medizinische Fachrichtung für Neuropathologie. Psychologen und psychologische Therapeuten vertreten ebenfalls unterschiedliche Meinungen. Dabei stellt die Psychologie überhaupt keine medizinische Fachrichtung dar. Dennoch begaben sich die Vertreter von Psychiatrie und Psychologie in Fragen der Deutungshoheit in einen äußerst unglücklichen Konkurrenzkampf. Im Jahre 1992 sorgte in Deutschland die neu etablierte ärztliche Fachrichtung „Psychotherapeutische Medizin“ zusätzlich für Verwirrung. Später wurde die Facharztbezeichnung geändert in „Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie“. Auf Seiten der Psychiatrie wurde ‑ um den Anspruch auf die Ausübung der Psychotherapie zu unterstreichen ‑ mit der Umbenennung des Fachgebiets in „Psychiatrie und Psychotherapie“ prompt reagiert. Die Kriegsbeile sind bis heute nicht vergraben. Pharmahersteller machen mit ihren Interessen das Durcheinander komplett.

 

Quintessenz: Die Bemühungen, ursächliche und charakteristische Aspekte von psychiatrischen Erkrankungen bzw. Affektstörungen zu beschreiben, zu analysieren, zu verstehen und in einen nachvollziehbaren, plausiblen Zusammenhang zu bringen, werden bis heute nicht mit der notwendigen Klarheit und Intensität vorangetrieben.

 

 

Depression? Depressive Verstimmung? Oder eine Lebenskrise?

 

Alle Problematiken machen es für Therapeuten und Patienten zu einer schwierigen Herausforderung, die Depression als klinische Erkrankung zu erkennen, effektiv zu behandeln und von der depressiven Verstimmung oder einer Lebenskrise zu unterscheiden. Die beiden zuletzt genannten Zustände sind nicht mit einer Depression im hier verstandenen Sinne vergleichbar, auch wenn sie für Betroffene mit vergleichbaren Konsequenzen verbunden sein können. Während depressive Verstimmungen eine natürliche Reaktion auf als negativ empfundene Lebenssituationen sind und nach deren Beseitigung verschwinden, ist das bei einer Depression nicht der Fall.

 

Allerdings sind depressive Verstimmungen aufgrund ihres Stresspotentials mittel- bis langfristig in der Lage, die Entstehung einer Depression zu begünstigen, zu verstärken oder diese sogar maßgeblich auszulösen, was die Gemengelage noch unübersichtlicher macht. Es ist auch nicht ungewöhnlich, an einer Depression zu erkranken und sich unabhängig davon noch in einer Lebenskrise zu befinden oder depressive Verstimmungen zu haben, was die Sache weiter verkompliziert.

 

Es ist aber wichtig, zu differenzieren und sich der Unterschiede verschiedener Erkrankungscharakteristiken bewusst zu sein, da dies sowohl für das Verständnis individueller Ursachen als auch für eine auf Grundlage dieser individuellen Ursachen konzipierten patientengerechten Therapie notwendig ist.

 

 

Die „Chinesische Mauer“ zwischen Psychikern und Somatikern überwinden

 

Gerade eine differenzierte Betrachtung könnte den Gegensatz zwischen Psychikern und Somatikern zumindest teilweise auflösen und beide Gruppen miteinander versöhnen: Nämlich wenn es gelingt, plausible Annahmen über die organischen Auswirkungen psychischer Stressfaktoren auf das Gehirn zu formulieren. Würden sich die Annahmen mit Hilfe von Studien oder modernen Diagnoseverfahren bestätigen, gehörte der Gegensatz Psychiker‑Somatiker wohl endgültig der Vergangenheit an.

 

 

Kausalität und Multikausalität

 

Die hier aufgestellten Hypothesen postulieren auf zwei Kausalebenen Affektive Störungen aus einer somatologischen Sicht als organisch verursacht. Sie beruhen auf Rudolph Virchows Gedanken, dass Organerkrankungen auf Zellfunktionsstörungen zurückzuführen sind:

 

  1. Im Zentrum steht die Annahme verschiedener negativer Veränderungen von Aktivitäten der Hirnzellen in den Affekte verarbeitenden Hirnarealen als primär verantwortlich für eine endogene Depression (Kapitel 1).

  2. Neun Zellschwachstellen und zahlreiche innere und äußere Schadeinflüsse verantworten sekundär diese negativen Veränderungen und bestätigen damit die multifaktorielle Ätiopathogenese (Kapitel 2 bis 4).

 

 

 

Primäre Ursachen affektiver Erkrankungen (Kapitel 1)

 

Typische Symptome einer Depression, beispielsweise Stimmungstiefs, Antriebsarmut, emotionale Verflachung oder Konzentrationsprobleme, beruhen primär auf einem dreistufigen Veränderungsprozess der Aktivitäten von Nerven‑ und Gliazellen in bestimmten Hirnarealen, die für diese Merkmale verantwortlich sind. Damit ähneln die grundlegende Ursachen einer Depression bis zu einem bestimmten Grad den grundlegenden Ursachen anderer zentralnervöser bzw. neurologischer Erkrankungen, beispielsweise Demenz, Morbus Parkinson oder Multipler Sklerose.

 

Diese wenigen und klar formulierten Hypothesen genügen den Anforderungen des vom Wissenschaftstheoretiker Wilhelm von Ockham (ca. 1285 ‑ 1345) begründeten Parsinomieprinzips. Danach soll eine Theorie sparsam mit Erklärungen und geringer Komplexität begründet werden: Je einfacher eine Theorie ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie zutrifft ‑ unter der Bedingung ihrer Plausibilität.

 

Mit den Hypothesen lassen sich komplexe Phänomene der Erkrankung begründen, beispielsweise Symptomvielfalt, psychosomatische Aspekte oder die individuelle psychische Resilienz. Untersuchungen mit bildgebenden Diagnoseverfahren stützen die Hypothesen durch Nachweise degenerativer Veränderungen in den genannten Hirnarealen.

 

Die in Kapitel 1 formulierten Hypothesen sagen nichts aus über die sekundären Verursacher der hirnorganischen Veränderungen. In den Kapiteln 3 und 4 werden zahlreiche von ihnen identifiziert und analysiert. Um dahin zu gelangen, bedarf es allerdings noch eines Zwischenschritts.

 

 

Zwischenschritt: Konstruktion eines Zellmodells in Kapitel 2

 

Die kausaltheoretischen Aussagen in Kapitel 1 beziehen sich auf Zellveränderungen, und deren Ursachen lassen sich im ersten Schritt nur mit einer Zellprozessanalyse herausfinden. Ein Zellprozessmodell, das alle Abläufe komprimiert darstellt, ohne es mit verzichtbaren Details zu überfrachten, stellt dafür die Grundlage dar. Auch hier ist Ockhams Parsinomieprinzip ein Leitmotiv: So viele Elemente wie nötig, so wenig Elemente wie möglich sind die Voraussetzungen einer erfolgversprechenden Suche nach Zellschwachstellen.

 

Das Modell ordnet Zellprozesse auf zwei Ebenen und trennt die Proteinbiosynthese prominent auf der oberen Ebene von den restlichen Prozessen. Acht Substanzen(‑gruppen) gelten als Faktoren, ebenfalls dazu gehören die aus der Proteinbiosynthese resultierenden Eiweißmoleküle in Form kurz- und langkettiger Peptide.

 

 

ABBILDUNG B: ZWEI PROZESSEBENEN, PROTEINBIOSYNTHESE, FAKTOREN UND PROTEINE/PEPTIDE

 

 

Abbildung B: Das in Kapitel 2 erarbeitete Zellprozessmodell ‑ hier in einer vereinfachten Darstellung ‑ weist zwei Prozessebenen auf mit der Proteinbiosynthese auf der einen (oberen) und allen restlichen Prozessen auf einer anderen (unteren) Ebene. Zur korrekten Prozessdurchführung auf beiden Ebenen nutzt eine Zelle zwei unterschiedliche Kategorien von Substanzen. Zum einen sind das acht Faktoren bzw. Gruppen von Faktoren und zum anderen Eiweißmoleküle in Form kurzkettiger Peptide bzw. langkettiger und komplexerer Proteine. Die elterliche Erbinformation (1) stellt als Faktor sämtliche ncRNA‑ und Gencodes zur Durchführung der Proteinbiosynthese zur Verfügung. Sechs weitere Faktoren (2, 3, 4, 6, 7 und 8) gelangen fast ausschließlich von außen in die Zelle, nämlich Wasser, Sauerstoff, Aminosäuren, Fettsäuren, Glukose und Mikronährstoffe. Einzig die nicht‑codierenden Ribonukleinsäuren (ncRNA) stellen eine Ausnahme unter den Faktoren dar. Die für den korrekten Ablauf sämtlicher Proteinbiosyntheseprozesse zuständigen ncRNA‑Moleküle (5) werden durch Ablesen der Zell‑DNA zelltyp‑ bzw. funktionsspezifisch in jeder Zelle selbst produziert. Während der Embryogenese beeinflussen mit großer Wahrscheinlichkeit zusätzlich speziesspezifische ncRNA die Entwicklung des entstehenden Organismus.

 

 

 

 

Auf der Suche nach Zellschwachstellen (Kapitel 3)

 

Die Zellschwachstellenidentifikation liefert auf Grundlage von Analysen des Zellprozessmodells klare und eindeutige Ergebnisse:

 

  1. Funktioniert die Proteinbiosynthese, stehen einer Zelle alle Eiweißmoleküle für die Erfüllung ihrer Aufgaben zur Verfügung. Damit ist die Proteinbiosynthese nicht nur zentral, sie ist Ursache von allem und kann als der kausale Prozess jeder Zelle aufgefasst werden.


  2. Acht Faktoren sind zur Durchführung des Proteinbiosyntheseprozesses ‑ und auch aller Abläufe der unteren Zellebene ‑ notwendig, nämlich eine intakte Erbinformation, eine ausreichende Versorgung mit Wasser, Sauerstoff, Aminosäuren, Glukose, Mikronährstoffen, Lipiden und ein ausreichender zelltyp- und funktionsspezifischer Mix nicht‑codierender Ribonukleinsäuren (ncRNA), wobei bestimmte Arten von ncRNA-Molekülen als Modulatoren die Genregulation steuern. Faktoren dominieren die Funktionen einer Zelle. Sie sind die Antreiber des Zellstoffwechsels und werden daher als Kausalfaktoren bezeichnet.

    Im Umkehrschluss repräsentieren acht Kausalfaktoren acht Zellschwachstellen. Bei einer quantitativ bzw. qualitativ unzureichenden Versorgung kommt es zwangsläufig zu Zellstörungen, sie stehen im Mittelpunkt der weiteren Schwachstellenanalysen. Der unteren Ebene mit ihren zahlreichen Funktionalprozessen, unterschiedlichen Peptiden und Proteinen wird trotz ihrer zweifelsfrei wichtigen Bedeutung dabei nur eine untergeordnete Rolle zugestanden.


  3. Somatische DNA‑Mutationen entstehen durch Noxen, beispielsweise radioaktive Strahlung oder Zellgifte, oder physiologisch durch offensichtliche bzw. unbekannte Vorgänge im Zellinneren. Sie gefährden Proteincodes (Gene) und die ncRNA-Codes auf der Zell‑DNA und stellen eine neunte Zellschwachstelle dar. Gelingt deren Reparatur nicht, werden sie unabänderlich und die mutationsgeschädigte DNA bei der Zellteilung an die Tochterzellen weitergegeben. Somatische Mutationen häufen sich auf diese Weise im Laufe der Zeit auf der DNA an, was eine der Hauptursachen von Zellalterung, Organalterung und degenerativen Erkrankungen ist.

    Gemäß Nr. 2 garantiert eine ausreichende Kausalfaktorenversorgung optimale Zellprozesse ‑ und das gilt auch für DNA-Korrekturprozesse. Je problematischer die Kausalfaktorenversorgung, desto schlechter die Korrekturprozesse und desto höher die Gefahr unabänderlicher somatischer Mutationen. Eine optimale Versorgung mit Kausalfaktoren verhindert Mutationen zwar nicht zu 100%, aber sie minimiert die Mutationsgefahr.

 

 

Schon Kausaltheorie ( Kapitel 1) und Zellmodell ( Kapitel 2) folgen Ockhams Sparsamkeitsprinzip und verdichten ohne Plausibilitätsverlust. Nun ist der nächste Schritt erfolgt, das Zellmodell von unnötigem Ballast zu bereinigen: Die Fokussierung auf acht dominierende Kausalfaktoren ist eine weitere konsequente Anwendung von Ockhams Prinzip ( Abbildung C), bildlich auch Ockhams Rasiermesser genannt.

 

 

ABBILDUNG C: DAS ZELLPROZESSMODELL UNTER „OCKHAMS RASIERMESSER“

 

 

Abbildung C: Bei Anwendung von Ockhams Parsinomieprinzip ist die Betrachtung der unteren Zellebene bei der Suche nach Zellschwachstellen entbehrlich. Übrig bleiben Proteinbiosynthese und acht Kausalfaktoren. Das Verständnis des Zusammenwirkens von Kausalfaktoren und Proteinbiosynthese ist der Schlüssel zum Verständnis fast aller Zellprozessprobleme. Auch die Relativierung der Bedeutung somatischer Mutationen der Zell‑DNA als neunte Zellschwachstelle, die mit einer weiteren Fokussierung auf die Kausalfaktoren einhergeht, steht im Einklang mit Ockhams Sparsamkeitsprinzip, dessen „Rasiermesser“ alle für die Zellschwachstellenidentifikation verzichtbaren Modellbestandteile ausblendet.

 

 

 

Eine Beschränkung auf acht Kausalfaktoren reicht immer noch nicht aus, wenn die entscheidenden Zellschwachstellen sicher und eindeutig ermittelt werden sollen:

 

 

 

Es stellen sich u. a. folgende Fragen:

 

 

 

Die Fragen können beantwortet werden, wenn eine vergleichende Kausalfaktorenbewertung gelingt. Dazu bedarf es verschiedener geeigneter Bewertungskriterien, mit denen jeder Faktor geprüft wird. Für jedes erfüllte Kriterium erhält ein Faktor einen Punkt. Je mehr Punkte ein Kausalfaktor erhält, desto stärker beeinflusst er mit seinen Eigenschaften die Zellprozessqualität und desto entscheidender sind seine potentiellen quantitativen und qualitativen Mängel im Hinblick auf kurz-, mittel- und langfristige Verschlechterungen der Zellprozessqualität und der Entstehung von Zellerkrankungen im Vergleich mit niedriger bewerteten Kausalfaktoren.

 

Nach der Punktevergabe lassen sich die Kausalfaktoren in drei Relevanzgruppen einteilen:

 

  1. Geringe Relevanz für Aminosäurenmangel, Mikronährstoffmangel, Mängel der Fettversorgung und Wassermangel (jeweils einen Punkt).

  2. Mittlere Relevanz für Fehler auf der ursprünglichen Erbinformation, Probleme mit der Glukoseversorgung durch eine gestörte Blutzuckerregulation und Sauerstoffmangel (jeweils zwei Punkte).

  3. Höchste Relevanz für quantitativ-qualitative Mängel nicht-codierender Ribonukleinsäuren (fünf Punkte).

 

 

Die Rangfolge zeigt, dass nicht‑codierende RNA innerhalb der Gruppe der Kausalfaktoren mit Abstand am wichtigsten für alle Zellprozesse sind. Fehlerhafte, zu wenig oder gänzlich fehlende ncRNA stellen im Umkehrschluss ein besonders großes Risiko dar, Zellprozesse zu stören. Die Gründe für die zentrale Bedeutung von ncRNA ergeben sich aus ihrer Herkunft, ihrer Synthese, ihren Aufgaben und ihrer schwierigen Zugänglichkeit:

 

  1. Ihr Ursprung sind Codes auf der DNA. Dadurch sind ncRNA als einzige Kausalfaktoren sowohl von Mutationen der Keimbahn als auch von somatischen Mutationen bedroht ( Abbildung E).

  2. Nur ncRNA werden durch einen aufwändigen Transkriptionsprozess im Zellkern synthetisiert.

  3. Nur die ausreichende Verfügbarkeit sämtlicher zelltyp- und funktionstypischer ncRNA garantiert eine korrekte Modulation der Proteinbiosynthese (Genregulation).

  4. Die Behebung von ncRNA‑Mängelzuständen mittels ncRNA‑Substitution ist aufwändig und muss aktiv betrieben werden. Die Potentiale der ncRNA‑Substitution werden breitenmedizinisch nicht forciert und durch gesetzliche Regelungen behindert.

 

 

Das Resultat ist nicht nur die Erkenntnis, dass eine Kausalfaktorgruppe die entscheidende Schwachstelle einer Zelle ist. Das Resultat demonstriert auch die Bedeutung des Parsinomieprinzips für die Analyse komplexer Systeme, hier der Analyse komplexer Zellprozesse.

 

 

ABBILDUNG D: DIE BEDEUTUNG NICHT-CODIERENDER RIBONUKLEINSÄUREN

 

 

Abbildung D: Nicht‑codierende RNA nehmen in der Gruppe der Kausalfaktoren die herausragende Stellung ein, wie Vergleiche und Bewertungen aller Kausalfaktoren nach gemeinsamen Kriterien ergeben. Mängel zelltyp- und funktionsspezifischer RNA sind gleichbedeutend mit der Gefahr, an dem zentralen Prozess einer Zelle ‑ der Proteinsynthese ‑ für Unordnung zu sorgen. Probleme der Versorgung mit ncRNA-Molekülen triggern Zellprozessstörungen, degenerative Erkrankungen und Zellalterung.

 

 

 

 

RNA und Genregulation: Ein universelles Prinzip

 

Die Bedeutung nicht-codierender RNA‑Moleküle wird in Biologie und Medizin erst seit wenigen Jahren diskutiert, denn die mit ihnen verbundenen Regulationsmechanismen wurden erst Ende der 1990er Jahre von zwei amerikanischen Wissenschaftlern entdeckt (Quelle: Driver/Fire/Montgomery/Kostas/Mello, Potent and specific genetic interference by double-stranded RNA in Caenorhabditis elegans, Nature Journal No. 391, 2/1998, http://www.ncbi.nlm.nih.gov/...).

 

Andrew Fire und Craig Mello erhielten dafür schon acht Jahre später gemeinsam den Medizinnobelpreis.

 

Etwa 95% des aktiven menschlichen Genoms enthalten ncRNA‑Codes. Es wird angenommen, dass die überwiegende Anzahl von ihnen als Modulatoren gezielt die Proteinbiosynthese steuert. Erwachsene Körperzellen unterscheiden sich untereinander vor allem durch zellspezifische ncRNA: Jeder Zelltyp verwendet einen individuellen Mix typ- bzw. funktionsspezifischer ncRNA‑Kombinationen zur Genregulation.

 

Es liegt nahe, dass zelltypspezifische ncRNA-Moleküle überhaupt die einzigen Merkmale sind, an denen sich erwachsene Körperzellen voneinander unterscheiden lassen und ein universelles biologisches Prinzip verkörpern. Die daraus zu ziehenden Schlüsse haben das Potential, die Medizin vollständig zu verändern: In eine Medizin vor der Entdeckung dieses Prinzips und eine Medizin danach.

 

 

ABBILDUNG E: MUTATIONEN NICHT-CODIERENDER RIBONUKLEINSÄUREN UND IHRE KONSEQUENZEN

 

 

Abbildung E: Da ncRNA‑Moleküle die Proteinbiosynthese maßgeblich steuern, ist der gesamte Zellstoffwechsel in besonderem Maße auf ihre korrekte Arbeit angewiesen. Probleme mit ncRNA lassen die Proteinbiosynthese aus dem Ruder laufen ‑ mit verheerenden Folgen für sämtliche Zellprozesse. Keimbahnmutationen und somatische Mutationen führen häufig zu ncRNA‑Defekten. Eine Ursache ist die große Anzahl der ncRNA‑Codes. Etwa 95% aller DNA‑Codes repräsentieren ncRNA, Gene für Peptide und Proteine sind demgegenüber nur in vergleichsweise verschwindender Menge vorhanden, beim Menschen zum Beispiel nur etwa 25.500. Degenerative Erkrankungen und Zellalterung sind vor allem Folgen einer sich im Zeitablauf immer weiter erhöhenden Akkumulation von ncRNA‑Fehlcodes der Zell‑DNA. Die Fokussierung auf ncRNA stellt die konsequenteste Anwendung des Ockham'schen Parsinomieprinzips dar.

 

 

 

 

Genregulierende RNA erwachsener Körperzellen sind zelltypspezifisch, nicht speziestypisch

 

Nicht-codierende RNA‑Moleküle werden konservativ vererbt. Das bedeutet: Sie sind in einzelnen Zellarten ausgewachsener Säugetierarten jeweils identisch oder fast identisch, teilweise sogar über unterschiedliche Tiergattungen hinweg (Säugetiere, Fische etc.).

 

Vor allem RNA, die erwachsene Körperzellen genregulieren ‑ wie beispielsweise micro‑RNA ‑ sind zelltypspezifisch, nicht jedoch speziestypisch.

 

Am konkreten Beispiel der Säugetiere: Die Gene erwachsener Herzzellen von Katze, Hund oder Mensch werden mit einem identischen ncRNA‑Mix moduliert. Auch die Gene erwachsener Leberzellen von Katze, Hund oder Mensch werden mit einem identischen ncRNA‑Mix moduliert, aber dieser Mix unterscheidet sich wiederum von dem ncRNA‑Mix, den eine Herzzelle benötigt.

 

Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Spezies Katze, Hund oder Mensch resultieren auf einer jeweils unterschiedlichen Embryogenese. Vermutlich regulieren in dieser Phase, vor allem zu Beginn während der ersten Zellteilungen, speziesspezifische ncRNA die Entwicklung des Embryos und der speziesspezifischen Merkmale. Diese ncRNA-Codes spielen dann in der späteren Embryonalphase bzw. nach der Geburt keine Rolle mehr, die dazugehörigen ncRNA-Codes werden deaktiviert.

 

Das Prinzip der Zelltypspezifität gilt nicht für alle ncRNA‑Moleküle, beispielsweise nicht für Transfer‑RNA (tRNA), die in allen Zellen identisch ist. tRNA ist zwar an der Durchführung der Proteinsynthese entscheidend beteiligt, indem sie die Amionsäurenverkettung zu Peptiden bzw. Proteinen betreibt. tRNA greifen aber nicht modulierend in den Prozess ein, so dass Zelltypspezifität nicht notwendig ist.

 

Aber auch Transfer‑RNA sind bei allen Lebewesen identisch und daher nicht speziesspezifisch.

 

 

Von der Kausaltheorie zur multikausalen Theorie (Kapitel 4)

 

Nach den bisherigen Ergebnissen können Zellfunktionsstörungen, eine reduzierte Zellvernetzung oder Zellverlust auf insgesamt neun Zellschwachstellen beruhen, vor allem auf quantitativen und qualitativen Mängeln der entscheidenden acht Kausalfaktoren, die gemeinsam einen gesunden und dynamischen Zellstoffwechsel verantworten. Dazu kommt noch die Möglichkeit somatischer DNA‑Mutationen als neunte Schwachstelle (→ Kapitel 3).

 

Das bisherige (Teil‑)Modell repräsentiert allerdings nur eine Seite der Medaille, denn es handelt sich um eine von der Umwelt isolierte Betrachtung. Reale Einflüsse von außen wurden zunächst bewusst ausgeblendet. Dieses Vorgehen war wichtig, um die Schwachpunkte einer Zelle unabhängig und zweifelsfrei identifizieren zu können. So stellt sich als nächstes die Frage, wie es zu Mängeln an Kausalfaktoren oder Mutationen überhaupt kommen kann.

 

Die Ursachen können banal sein, beispielsweise relativ einfach zu diagnostizierende Mangelzustände von Mikro- oder Makronährstoffen, aber viele benötigen komplexere Diagnosen und Vorgehensweisen, zum Beispiel bei Blutzuckerschwankungen oder Sauerstoffmangel. Einige ‑ wie zum Beispiel Genveränderungen durch Keimbahnmutationen ‑ sind irreversibel. Allen Ursachen gemein ist der Umstand, dass sie hauptsächlich Einflüssen von außen geschuldet sind, die als exogene Noxen bezeichnet werden.

 

Schadwirkungen exogener Noxen gehen allerdings weit über negative Einflüsse auf Kausalfaktoren hinaus und sind zu unmittelbaren Zellprozessstörungen oder strukturellen Schäden an Zellmembranen, Zellorganellen oder Genen der Zell-DNA in der Lage. Auch Belastungen peripherer Bereiche des Körpers mit Auswirkungen auf das zentrale Nervensystem sind möglich. Auch hier spielen unterschiedliche Ereignisse ihre verhängnisvollen Rollen, beispielsweise emotionaler Stress, energiereiche Strahlung, Industriegifte und andere Schadstoffe, Suchtstoffe, vaskuläre Erkrankungen mit Störungen der Mikrodurchblutung des Gehirns, eine ungenügende Blut‑Hirn‑Schranke, eine Sauerstoffüberversorgung, chronische körperliche Erkrankungen, Infektionen durch Viren ‑ zum Beispiel durch das neuartige Virus SARS‑CoV‑2 bei Covid‑19 ‑, Bakterien oder Parasiten, Entzündungen, Mutationen, Traumata, Medikamente oder bei medizinischen Operationen verwendete Narkotika.

 

Endogene Noxen haben ebenso schlechte Einflüsse, beispielsweise die zelluläre Atmungskette und damit verbundene aggressive reaktive Sauerstoffspezies (ROS), die ebenfalls sämtliche Zellbestandteile (DNA, Membranen oder Organellen) schädigen können.

 

Auch hirnorganische Veränderungen aufgrund anderer Nervenerkrankungen können Affektstörungen verursachen und als eigenständige exogene Noxen aufgefasst werden, wenn die Veränderungen affektrelevante Hirnareale betreffen. So ist zu erklären, dass eine Erkrankung an Multipler Sklerose oder Morbus Parkinson mit einer Depression verbunden sein kann, nämlich dann, wenn die affektrelevanten Hirnareale von den degenerativen Veränderungen betroffen sind, die typisch für eine Erkrankung an Multipler Sklerose oder Morbus Parkinson sind. Das gilt potentiell auch für alle anderen neurologisch-psychiatrischen Erkrankungen.

 

Die Kausaltheorie und ihre multikausale Erweiterung bestätigen die multifaktorielle Ätiopathogenese und bilden gemeinsam ein integriertes Multikausalmodell.

 

 

ABBILDUNG F: KAUSALTHEORIE UND MULTIKAUSALE THEORIE IM ÜBERBLICK

 

 

Abbildung F: Primär beruhen Affekterkrankungen auf krankhaften funktional-strukturellen Veränderungen des Gehirns, wobei zwei Aspekte zu beachten sind. Der erste Aspekt betrifft Veränderungen auf der Mikroebene der Hirnzellen, der zweite Aspekt deren Lokalisation in Arealen, die für die Affektverarbeitung entscheidend sind (Makroebene). Die Zellveränderungen werden mit einem dreistufigen Modell beschrieben, dessen dritte und letzte Stufe mit dem kompletten Zellverlust (Zelltod) endet. Die involvierten Hirnareale werden mit Hilfe einer funktionsorientierten Gehirnlandkarte identifiziert. Primärursachen sind hauptsächlich durch sekundäre Einflüsse (endogene und vor allem exogene Noxen) getriggert. Diese Sekundäreinflüsse führen zu Kausalfaktorproblemen bzw. unmittelbaren strukturellen Zellschäden, zum Beispiel Genschäden der Zell‑DNA, Membranen oder Organellen. Noxen können beispielsweise Schadstoffe, Erkrankungen des Körpers, radioaktive Strahlung, Traumata oder psychosozialer Stress sein. Auch andere neurologisch-psychiatrische Störungen, zum Beispiel Morbus Parkinson, sind als potentielle Noxen aufzufassen, die zu Problemen mit Affekten führen können.

 

 

 

 

Von der multikausalen Theorie zu kausalen Therapien Affektiver Störungen

 

In Kapitel 5 werden konventionelle Therapiekonzepte bewertet, um danach ursächliche Behandlungsstrategien zu konzipieren und zu diskutieren (Kapitel 6 bis 8). Kausale Therapiestrategien orientieren sich an beiden Ursachenebenen und verfolgen zwei Behandlungsziele:

 

  1. Eine kausale Therapie hat mittels optimierter Kausalfaktorenversorgung für eine Verbesserung des Nerven- und Gliazellenstoffwechsels zu sorgen, insbesondere durch Normalisierung der Proteinbiosynthese.

  2. Eine kausale Therapie sollte zu einer Verringerung oder Beseitigung sämtlicher negativer Einflüsse führen, die auf das Nervensystem einwirken und bei denen ein kausaler Zusammenhang mit der Erkrankung wahrscheinlich ist.

 

 

 

Behandlungsziel 1: Kausalfaktoren optimieren

 

Mit sieben therapeutisch verfügbaren Kausalfaktoren besteht die Möglichkeit, Behandlungsziel 1 zu erreichen und dysfunktionale Zellprozesse positiv zu verändern und ggf. eine degenerative Entwicklung umzukehren (Kapitel 6 und 7). Engpässe der Kausalfaktoren werden mittels Analysen und Plausibilitätsüberlegungen individuell ermittelt und anschließend gezielt beseitigt:

 

  1. Optimierung der Flüssigkeitsversorgung, um Dehydrierung zu verhindern.
  2. Analyse und Sicherstellung einer ausreichenden Sauerstoffversorgung.
  3. Analyse der Glukoseversorgung mit dem Ziel eines optimalen Blutzuckerverlaufs.
  4. Ermittlung und Ausgleich von Versorgungslücken mit Mikronährstoffen.
  5. Analyse und Korrektur einer ungünstigen Versorgung mit Fettsäuren und Lipoïden.
  6. Analyse und Beseitigung einer Mangelversorgung mit Aminosäuren.
  7. Funktions- bzw. zelltypspezifische Substitution nicht-codierender RNA.

 

 

 

Substitution funktions- und zelltypspezifischer ncRNA als Königsweg

 

Die ncRNA-Substitution (Kapitel 7) hat die höchste Priorität aufgrund der hohen Bedeutung der ncRNA als wichtigste Kausalfaktorgruppe.

 

Erst seit einigen Jahren rückt die unüberschaubare Anzahl unterschiedlicher ncRNA‑Moleküle, zum Beispiel micro‑RNA, immer stärker in den Fokus der Forschung. Einige von ihnen wurden erst vor etwa 20 Jahren entdeckt, und über deren genregulierende Funktionen weiß man entsprechend wenig. Es wird viel Aufwand betrieben, die komplexen Funktionen verschiedener micro‑RNA zu verstehen. Das ist mit der Hoffnung verbunden, einzelne Moleküle künftig therapeutisch einsetzen zu können.

 

Auch die hier gewonnenen Erkenntnisse zeigen, dass micro‑RNA und andere ncRNA‑Moleküle eine wichtige Basis ursächlicher Therapien sind, jedoch im Rahmen einer völlig anderen Behandlungsstrategie.

 

So müssen u. a. die für die Genregulation notwendigen micro‑RNA zelltypspezifisch bzw. funktionsspezifisch in ihrer ganzen Artenfülle dort zur Verfügung gestellt werden, wo sie fehlen oder fehlerhaft sind. Dies gilt insbesondere bei einer durch somatische DNA‑Mutationen unterschiedlichen Ursprungs behinderten Proteinbiosynthese, was bei zahlreichen degenerativen Erkrankungen der Fall ist. Auch die Substitution von Transfer‑RNA (tRNA) und weiterer Arten von ncRNA ist sinnvoll.

 

Auch bei vorwiegend funktionellen und strukturellen Schädigungen durch Lipidperoxidation innerer und äußerer Zellmembranen oder Proteinoxidation anderer Zellbestandteile besteht das Potential einer Regeneration geschädigten Zellgewebes durch Kausalfaktorenoptimierung. Die Substitution zelltyp- bzw. funktionsspezifischer ncRNA‑Moleküle erhält dabei mit zunehmendem Alter eine immer höhere Bedeutung, denn die Regenerationsfähigkeit des Gewebes nimmt aufgrund der immer problematischeren ncRNA‑Versorgung ab. Mittels ncRNA‑Substitution soll durch Korrektur und Aktivierung der Genregulation und der damit verbundenen Gesundung und Steigerung der Proteinbiosynthese und des Eiweißstoffwechsels die Regeneration geschädigten Gewebes angeregt werden.

 

 

Den Gordischen Knoten mit ncRNA lösen und die Paste erst gar nicht aus der Tube lassen

 

Zum Therapiekonzept einer Substitution von ncRNA passt auch die Legende vom Gordischen Knoten. Sie vermittelt anschaulich ein Bild der Funktionsweise der Kausalfaktorenoptimierung, insbesondere durch ncRNA‑Substitution: Die Organgesundung gelingt bei vielen Erkrankungen im Allgemeinen und degenerativen Erkrankungen im Besonderen, wenn sich die zellspezifische Genregulation ‑ und damit die Proteinbiosynthese ‑ in allen betroffenen Organzellen wieder normalisiert. Das garantiert die Lösung komplexer Zellprobleme aller nachfolgenden Zellprozessebenen. Die Normalisierung der Proteinbiosynthese durch die Substitution fehlender oder fehlerhafter ncRNA-Moleküle ist das Schwert, mit dem die Probleme des komplexen, unübersichtlichen Zellstoffwechsels pariert werden.

 

Da die Entdeckung genregulatorisch wirksamer RNA nur wenige Jahre zurückliegt, besteht erst seit kurzem die Möglichkeit, bestimmte Probleme im Zusammenhang mit der Modulation der Proteinbiosynthese überhaupt zu erkennen. Ein wirkliches Verständnis ihrer Mechanismen ist noch in weiter Ferne. Dadurch hat sich noch nicht die Erkenntnis durchsetzen können, dass Zellprobleme hauptsächlich auf genregulatorischen Störungen der oberen Prozessebene zurückzuführen sind.

 

Mit den heute noch üblichen Behandlungsmethoden wird stattdessen versucht, Vorgänge der unteren Zellprozessebene zu reparieren oder sogar lediglich zu manipulieren. Ein „Herumdoktern“ an den Prozessen der unteren Ebene kann aber nicht die Lösung sein, denn da ist ‑ um eine bekannte Allegorie zu verwenden ‑ die Paste schon aus der Tube, und es wird schwierig, sie wieder dorthin zurückzubekommen. Mittels Kausalfaktoroptimierung ‑ und vor allem ncRNA‑Substitution ‑ normalisiert sich die zuvor in Unordnung geratene Proteinbiosynthese wieder. Oder bildlich ausgedrückt: Die Paste bleibt da, wo sie hingehört, nämlich in der Tube.

 

 

ABBILDUNGEN G A/B: PRINZIP DER RNA-SUBSTITUTIONSTHERAPIE

 

 

 

Abbildungen Ga und Gb: Für degenerative Zellschäden und Zellalterung sind vor allem ncRNA‑Codemutationen verantwortlich, insbesondere die im Zeitablauf in allen Zellen entstehenden somatischen Mutationen. Generell ist es möglich, diese ncRNA‑Defizite mit von außen zugeführten ncRNA‑Molekülen auszugleichen. Dabei ist darauf zu achten, die ncRNA‑Moleküle in ihrer ganzen Artenfülle funktions- bzw. zelltypspezifisch zuzuführen. Nur so ist eine vollständige Korrektur der Modulation der Proteinbiosynthese und damit die Gesundung der Eiweißsynthese betroffener Zellen ‑ und damit des gesamten Organs ‑ möglich.

 

 

 

Behandlungsziel 2: Strategien zur Vermeidung und Vorbeugung schädlicher externer Einflüsse

 

Um das zweite Behandlungsziel zur erreichen, sollten Strategien zur Beseitigung möglichst aller belastender und nervenschädigender externer Einflüsse gefunden werden, bei denen der Verdacht besteht, am Ausbruch oder der Verstärkung der Affektstörung beteiligt zu sein. Die Erarbeitung solcher Strategien ist Gegenstand des achten Kapitels.

 

Die Möglichkeiten bestehen beispielsweise in der Behandlung einer somatischen Grunderkrankung, einer langfristigen Vermeidung schädigender Umweltbelastungen oder Verhaltensweisen und dem Erkennen und Beseitigen der Quellen psychischer Überforderungen. Letzteres sollen vor allem psychotherapeutische Verfahren und Entspannungstechniken unterstützen.

 

 

Eine allgemeine Theorie und Therapie zentralnervöser Erkrankungen (Kapitel 9 und 10)

 

Im dritten Teil werden die vorgestellten Modelle und Methoden auf andere Nervenerkrankungen übertragen und geprüft, ob sie auch hier anwendbar sind. Die Schwerpunkte liegen in einer kurzen Analyse und Bewertung verschiedener Demenzformen, von Epilepsie, Morbus Parkinson, HOPS, Schizophrenie und dem Tourettesyndrom.

 

Das Ergebnis ist nicht überraschend: Nach den hier erörterten Analysen beruhen fast alle zentralnervösen Erkrankungen auf gleichen oder ähnlichen pathologischen zellulär‑molekularen Mechanismen. Das führt zwangsläufig zu Schlussfolgerungen über zukünftige Behandlungsstrategien mit dazu geeigneten molekularen Substanzen in der neurologisch-psychiatrischen Breitenmedizin.

 

 

Exkurs 2: Was lehrt das 9‑Punkte‑Experiment über das Lösen scheinbar unlösbarer Aufgaben?

 

Hier noch die Auflösung des eingangs erwähnten 9‑Punkte‑Tests ( Abbildung A). Neun Punkte sollten ‑ ohne den Stift abzusetzen oder eine Linie doppelt zu zeichnen ‑ geradlinig mit vier oder weniger Linien verbunden werden. Es gibt mehrere Möglichkeiten, Abbildung H zeigt eine davon.

 

 

ABBILDUNG H: EINE LÖSUNG DES 9-PUNKTE-TESTS

 

 

Abbildung H: Neun Punkte sollten mit maximal vier geraden Linien verbunden werden, ohne den Stift abzusetzen oder eine Linie doppelt zu zeichnen.

 

 

 

Um die Aufgabe bewältigen zu können, muss der quadratische Raum erweitert werden, im Beispiel unterhalb und rechts der Punkte. Nur dann ist eine Verbindung mit vier Linien möglich.

 

Die meisten Menschen verlassen bei ihrer Suche nach einer Lösung jedoch nicht den quadratischen Raum, den die Punkte suggerieren.

 

Kognitionspsychologen erklären das mit der Tendenz des Menschen zur Gestaltwahrnehmung. Aus den neun Punkten wird intuitiv ein Quadrat gebildet und als vorgegeben betrachtet. Erst wenn sich eine Versuchsperson von dieser Vorstellung löst, ist sie in Lage, ein Resultat wie das in Abbildung H gezeigte zu erzielen.

 

Folgendes sollte man zur Lösung komplexer, scheinbar unlösbarer Probleme daher tun: sich von abgetretenen Erkenntnispfaden fernhalten oder diese frühzeitig verlassen und keine vordergründigen Lösungswege verfolgen. Ebenfalls ist es ratsam, häufiger zurückzutreten, um mit Hilfe eines größeren Abstands eine bessere Übersicht über die Aufgabenstellung zu gewinnen.

 

Diese Maximen sind von jetzt an die Richtschnur und ermöglichen es überhaupt, die Modelle zu erarbeiten und die Suche nach Lösungen voranzutreiben, die auf den folgenden Seiten niedergeschrieben sind. Jeder ist nochmals herzlich dazu eingeladen, sich mit auf diese spannende Suche zu begeben.

 

 

Komprimierte Zusammenfassungen aller zehn Kapitel

 

Auf dieser Seite folgen nun Zusammenfassungen der Inhalte aller zehn Kapitel, die sich etwas detaillierter auf das Wesentliche beschränken. Mit Hilfe der Sprungmarken (Pfeil nach oben) gelangt man entweder zurück zum Seitenanfang oder wechselt ins jeweilige ausführliche Kapitel (Pfeil nach rechts).

 

Berlin, im Juni 2024

 

Hermann Schurz

 

 

 

 

 

Kurzfassung Teil I: Eine ursächliche Theorie Affektiver Störungen

 

Was kennzeichnet die Ursachen einer Depression auf hirnorganischer Ebene? Sind Veränderungen von Hirnzellen für den Ausbruch einer Affekterkrankung verantwortlich und - wenn ja - welche Veränderungen könnten das sein und welche Zellarten spielen hier eine Rolle? Haben bestimmte Hirnareale eine besondere Bedeutung? Wie sind individuelle Symptome und Intensitäten einer affektiven Erkrankung hirnorganisch zu erklären? Welche Zusammenhänge gibt es zwischen negativen Einflüssen von außen und Affekterkrankungen?

 

Im ersten Teil (Kapitel 1 bis 4) dreht sich alles darum, diese (und noch weitere) Fragen plausibel und nachvollziehbar zu beantworten. Ziel ist, die Entstehung der Erkrankung ursächlich zu begründen.

 

 

 

Kapitel 1  –  Grundlagen einer kausalen Theorie Affektiver Störungen

Ein großer Teil der gegen Depressionserkrankungen verordneten Medikamente basiert pharmakologisch auf der Monoaminmangelhypothese (auch: Monoaminhypothese). Die Präparate manipulieren an bestimmten Stellen im Gehirn den Monoaminstoffwechsel, insbesondere von Serotonin oder Noradrenalin. Bis heute gibt es keine gesicherten wissenschaftlichen Aussagen über die Ursachen eines Mangels, und ob ein solcher Mangel im Erkrankungsfall überhaupt besteht. Die Funktionen vieler Botenstoffe sind unklar, vor allem die des Serotonins, das häufig fahrlässig und entgegen allen wissenschaftlichen Erkenntnissen als „Glückshormon“ bezeichnet wird. Wichtige Fragen werden nicht ausreichend erörtert, zum Beispiel auf welchen hirnorganischen Defiziten affektive Erkrankungen grundsätzlich beruhen könnten, oder welche Bedeutung unterschiedliche Hirnstrukturen bei der Erkrankungsgenese haben. Mangels wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse wird häufig die nebulöse Erklärung einer „Stoffwechselentgleisung im Gehirn“ als hirnorganische Ursache einer Depression bemüht.


Die Monoaminmangelhypothese wird von Fachleuten und erkrankten Betroffenen kritisiert, ebenfalls die unzureichende Wirksamkeit der Psychopharmaka, von denen etwa 2/3 der Patienten nicht oder nur ungenügend profitieren. Wissenschaftliche Studien und praktische Erfahrungen zeigen deren Defizite in der Depressionsbehandlung.


Im ersten Schritt werden 14 Schwächen der Monoaminmangelhypothese herausgearbeitet. Auf Grundlage einer Mikrobetrachtung von Hirnzellen und einer Makrobetrachtung unterschiedlicher Hirnregionen werden drei Ursachenhypothesen als Gegenentwurf formuliert.

 

Der Kern der Mikrobetrachtung ist ein erweitertes Verständnis neuronaler Dysfunktionalitäten und der Komplexität von Störungen der neuronalen Reizverarbeitung bei affektiven Erkrankungen (Hypothese 1) sowie die Annahme, dass auch dysfunktionale Gliazellen weitere potentielle Erkrankungsursachen darstellen (Hypothese 2).

 

Krankhafte Gliazellenveränderungen werden im Zusammenhang mit Affektiven Störungen in der Regel wenig beachtet, obwohl Gliazellen ‑ neben den Neuronen ‑ die zweite wichtige Zellart des Gehirns darstellen und komplexe Aufgaben bei der Erhaltung der Funktionsfähigkeit von Neuronen übernehmen. Gliazellen beeinflussen Reizentstehung, ‑weiterleitung und ‑übertragung direkt und indirekt. Spezialisierte Gliazellen steuern die Neurogenese und das Immunsystem und sind wesentlich an der Gesunderhaltung des Gehirns beteiligt. Funktionsgestörte Gliazellen kommen als (Mit‑)Verursacher einer affektiven Erkrankung ohne Zweifel infrage.


Die Makrobetrachtung umfasst einen funktionalen Vergleich verschiedener Hirnareale und ‑strukturen und eine Bewertung ihrer Anteile an der Entstehung und Verarbeitung von Emotionen bzw. Affekten. Die daraus abgeleitete Hypothese 3 postuliert einen Zusammenhang zwischen einer Depression und einer Erkrankung affektrelevanter Hirnstrukturen. Folgende Strukturen werden analysiert:


 


Getrennte Betrachtungen von Mikro‑ und Makroebene reichen nicht aus, um primäre Ursachen Affektiver Störungen abschließend zu beschreiben. Es fehlt noch eine vollständige Beschreibung der Charakteristiken erkrankter Hirnstrukturen, die beide Ebenen sinnvoll miteinander verknüpfen und auch die Möglichkeit einer zeitlichen Entwicklung berücksichtigen.

 

Mit dem 3‑Stufen‑Modell wird diese Lücke behoben. Es beschreibt weitere Probleme gemäß Hypothese 1, nämlich einen Rückgang der Nervenzellenvernetzung und einen Nervenzellenuntergang. Damit sind sämtliche Elemente zur Beschreibung eines komplexen Kausalszenarios vorhanden.

 

Nun sind auch Aussagen über die Hintergründe verschiedener charakteristischer Merkmale von Affekterkrankungen möglich, beispielsweise über psychosomatische Aspekte bzw. die psychische Komorbidität, Symptomvielfalt, die Gründe von Chronifizierung oder verschiedener Erkrankungsgrade. Auch das Phänomen individueller Resilienz lässt sich anhand der Modelle nachvollziehbar begründen.

 

Neuere Untersuchungsmethoden mit Hilfe der strukturellen oder funktionellen Magnetresonanztomographie (MRT, fMRT) bzw. der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) stützen die Kausaltheorie, denn sie weisen bei affektiven Erkrankungen pathologische Veränderungen in affektrelevanten Hirnarealen nach.

 

 

Eine umfassende Begründung des kausaltheoretischen Szenarios

 

Die Kausaltheorie beschreibt pathologische Zustände bzw. funktionelle und strukturelle Hirnveränderungen bei einer Depression, Manie oder Bipolaren Störung auf der primären Ursachen-Wirkungs-Ebene, ohne dafür verantwortliche sekundäre Auslöser zu benennen.

 

Zu deren Identifizierung muss die Theorie um eine zweite Ursachen-Wirkungs-Ebene erweitert werden. Alle negativen Einflüsse der zweiten Ebene haben das Potential, degenerative Veränderungen und Nervenaktivitätsstörungen zu verursachen. Durch die Verknüpfung beider Ursachenebenen ergibt sich ein multikausales Modell.

 

 

 

Kapitel 2  –  Ein aggregiertes Zellmodell als Basis einer multikausalen Theorie


Um potentiellen Erkrankungsursachen überhaupt auf die Spur kommen zu können, wird ein einfaches Zellmodell benötigt, das sich auf die wesentlichen Stoffwechselprozesse konzentriert.

 

Die Erarbeitung eines solchen Modells ist daher ein Zwischenziel auf dem Weg, Zellschwachstellen zu identifizieren, zu analysieren und zu bewerten.

 

 

Zellprozesse und die Rolle der Proteinbiosynthese

 

Das Zellprozessmodell vereint vier grundlegende Prozessbereiche:

 

  1. Prozesse der Kern- und Zellteilung,
  2. Proteinbiosyntheseprozess,
  3. Energieversorgungsprozesse und alle
  4. restlichen Prozesse (Funktionalprozesse).

 

 

Peptide und deren Synthese sind zentrale Modellbestandteile, denn sie bilden die Grundlage sämtlicher Zellprozesse. Jeder Prozess wird als eine durchgehende Abfolge vom Ablesen der genetischen Information auf der DNA über die Proteinbiosynthese bis zum einsatzfähigen Enzym bzw. Protein ‑ einschließlich dessen Aktivitäten ‑ verstanden.

 

Dabei übernimmt die Proteinbiosynthese eine Sonderrolle als ein allen nachfolgenden Abläufen vorgelagerter Hauptprozess auf einer oberen Zellprozessebene. Enzyme, Proteine und die meisten mit ihnen verbundenen Abläufe bilden die untere Zellprozessebene.

 

Lediglich die Enzyme und Proteine zur Durchführung der Proteinbiosynthese machen eine Ausnahme. Sie gehören als Substanzen zwar zur unteren Prozessebene, ihre Aktivitäten im Rahmen der Proteinsynthese jedoch zur oberen Ebene. Daraus resultiert ein Kreislauf zwischen der unteren und oberen Zellprozessebene bei der Proteinbiosynthese.

 

Auch Kern- und Zellteilung weisen einen vergleichbaren Prozesskreislauf auf zwischen der Mutterzelle und den beiden aus ihr hervorgehenden Tochterzellen.

 

Darüber hinaus stehen die Energieversorgungsprozesse mit sämtlichen Prozessen in Verbindung, denn ohne Energie ist kein Stoffwechsel denkbar.

 

Daraus folgen vier wichtige Prozessmodell-Charakteristika:

 

  1. die Teilung in eine obere (Proteinbiosynthese) und eine untere Zellprozessebene,
  2. ein Prozesskreislauf zwischen oberer und unterer Zellprozessebene,
  3. ein Prozesskreislauf bei Kern- und Zellteilung zwischen Mutter- und Tochterzellen und
  4. eine unübersichtliche Verknüpfung der Energieversorgungsprozesse mit allen anderen Zellvorgängen.

 

 

Die Proteinbiosynthese wird aufgrund ihrer fundamentalen Bedeutung ausführlicher beschrieben.

 

 

Peptide und Faktoren verantworten den Zellstoffwechsel gemeinsam

 

Zellprozesse benötigen neben Peptiden, das sind insbesondere Enzyme und Proteine, und Monoaminen noch weitere Substanzen, die als Faktoren bezeichnet werden. Ein Faktor übernimmt mindestens eine der nachfolgenden wichtigen Funktionen:

 

 

 

Bei den Faktoren handelt es sich um folgende acht Substanzen:

 

  1. Aminosäuren
    20 verschiedene Aminosäuren dienen in erster Linie als Baustoffe dem Aufbau sämtlicher Peptide und Monoamine und ferner der Energieversorgung als Hilfsstoffe. Die Aminosäuren werden vor allem durch den Abbau des Nahrungseiweißes, der im Verdauungstrakt stattfindet, den Zellen zur Verfügung gestellt. Auch durch Recycling oder Umwandlung anderer Substanzen ist es jeder Zelle möglich, bestimmte Aminosäuren selbst zu bilden.

  2. Die ursprüngliche Erbinformation der Elterngeneration
    Die Chromosomen der Zygote, der ersten Zelle eines Organismus, bilden die ursprüngliche Erbinformation, die bei der Verschmelzung einer männlichen mit einer weiblichen Keimzelle einmalig entsteht und Grundlage der Proteinbiosynthese sämtlicher nachfolgender Zellen ist.
    Die ursprüngliche Erbinformation übernimmt damit die Rolle der Bauvorlage zur Produktion aller Peptide und nicht‑codierender Ribonukleinsäuren (→ nachfolgende Nr. 5) in einer Zelle. Sie existiert nur kurzzeitig, denn nach der ersten Zellteilung sind die neu entstandenen DNA‑Moleküle nunmehr eine Kopie des ursprünglichen Originals. Sie werden zu Bestandteilen des Hauptprozesses der Proteinbiosynthese und verlieren damit ihren Faktorstatus. Die ursprüngliche Erbinformation ist als ein aus der Vergangenheit stammender Faktor als einziger im Modell nicht direkt stoffwechselaktiv.

  3. Kohlenhydrate bzw. Glukose
    Kohlenhydrate, beispielsweise Stärke, werden im Körper zum Einfachzucker Glukose abgebaut, dem wichtigsten Hilfsstoff der Energieversorgung. Nervenzellen nutzen ausschließlich Glukose als Energielieferanten.

  4. Mikronährstoffe
    Organische Mikronährstoffe in Form von Vitaminen, vitaminähnlichen Substanzen, sekundären Pflanzenstoffen und anorganische Mikronährstoffe in Form von Mineralstoffen und Spurenelementen übernehmen wichtige Rollen als Co‑Faktoren, Reaktionssubstanzen oder Antioxidantien und zur weiteren Diversifizierung der Peptide. Mikronährstoffe sind sowohl Baustoffe als auch Hilfsstoffe, je nachdem welche Funktion sie im Zellstoffwechsel ausüben.

  5. Lipide und Lipoïde
    Fettsäuren (Lipide) dienen der Energiebereitstellung und -speicherung und übernehmen gemeinsam mit Fettbegleitstoffen (= Lipoïde) strukturelle Aufgaben als Baustoffe für die äußeren und inneren Zellmembranen sowie verschiedene biologische Funktionen. In Gehirnzellen bzw. Neuronen nehmen Lipide bzw. Lipoïde ausschließlich biologisch-strukturelle Aufgaben wahr, denn dort wird Energie aus Glukose gewonnen.

  6. Nicht-codierende Ribonukleinsäuren
    Nicht‑codierende Ribonukleinsäuren (ncRNA) steuern und modulieren die beiden Teilprozesse Transkription und Translation der Proteinbiosynthese (Genregulation) und dienen in der Form von RNA‑Primern als Startermoleküle der Zellteilung. Sie sind auf der DNA codiert und werden von den Zellen selbstständig in einem von der eigentlichen Proteinbiosynthese separaten Prozess transkribiert. Im Gegensatz zu den späteren ncRNA-Aktivitäten ist die ncRNA‑Synthese daher kein Bestandteil des Proteinsynthese- oder Zellteilungsprozesses. Die ncRNA-Moleküle werden deshalb den Faktoren zugeordnet. Nicht‑codierende RNA bilden eine Ausnahme innerhalb der stoffwechselaktiven Faktoren, denn sie entstehen als einzige ausschließlich in der Zelle.

  7. Sauerstoff
    Sauerstoff ist als Hilfsstoff unverzichtbar für die Energieversorgung. Er liegt hauptsächlich als molekularer Sauerstoff (O2) vor.

  8. Wasser
    Wasser (H2O) ist ein Hilfsstoff für viele Basisfunktionen einer Zelle und Grundvoraussetzung aller Lebensprozesse.

 

 

Hinweis: Einige Substanzen, beispielsweise die fünf Nukleinbasen Adenin, Guanin, Cytosin, Thymin und Uracil, Hormone oder Mucopolysaccharide werden im Modell nicht gesondert als Faktoren berücksichtigt. So sind Basen als Elemente von DNA und RNA Modellbestandteile. Hormone oder Mucopolysaccharide werden mithilfe von Peptiden und auf Grundlage der acht Faktoren synthetisiert und sind somit im Modell indirekt repräsentiert.

 

 

 

Kapitel 3  –  Identifizierung und Bewertung der Zellschwachstellen

Um herauszufinden, welche Zellbereiche unabhängig von äußeren Einflüssen besonders störanfällig sind, werden die dortigen Ursachen‑Wirkungs‑Zusammenhänge auf Grundlage des Zellprozessmodells analysiert.

 

Da das Zellmodell zwei Prozesskreisläufe und eine komplexe Verknüpfung des Energiestoffwechsels mit allen anderen Prozessen aufweist, ist eine absolute Bestimmung von Ursachen-Wirkungs-Zusammenhängen, das heißt einer absoluten Kausalität, nicht möglich. Durch eine isolierte Betrachtung wichtiger Teilbereiche lassen sich jedoch relative Kausalitäten definieren, was zur Identifikation von Zellschwachstellen ausreicht.

 

 

Kausalität zwischen Proteinbiosynthese und sämtlichen Folgeprozessen

 

Ein bedeutender Bereich des Zellstoffwechsels ist die Proteinbiosynthese und ihre beiden Teilprozesse Transkription und Translation, mit denen sämtliche Peptide, hauptsächlich als Enzyme und Proteine, hergestellt werden.

 

Eine zentrale (relative) Kausalbeziehung lautet daher:

Transkription  →  mRNA  →  Translation  →  Peptide

 

Das scheint trivial, ist aber sehr bedeutend und wird in der Regel wenig beachtet: Sämtliche Peptide lassen sich kausal auf die Proteinbiosynthese (= Transkription und Translation) zurückführen.

 

Da die restlichen Zellprozesse nach der Proteinbiosynthese grundsätzlich auf Peptidaktivitäten basieren, kann eine allgemeingültige Prozesskette abgeleitet werden:

Transkription  →  mRNA  →  Translation  →  Peptide  →  Zellprozesse (Peptidaktivitäten)

 

Die zentrale Erkenntnis lautet: Die Proteinbiosynthese ist kein isolierter Prozess, sondern ein Bestandteil jedes einzelnen Zellablaufs. Dies hat weitreichende Folgen für die weiteren Analysen und weicht von allen traditionellen Auffassungen ab, bei denen Proteinbiosynthese und Folgeprozesse getrennt voneinander betrachtet werden, was die nachfolgende Darstellung beispielhaft veranschaulicht:

Zellprozess 1 (Transkription)

Zellprozess 2 (Translation)

Zellprozess 3 (...)

Zellprozess 4 (...)
...
...
Zellprozess 50.000 (...)
...
Zellprozess X (...)

 

Eine solche Sicht wird der Tatsache jedoch nicht gerecht, dass es eine Ursachen-Wirkungs-Beziehung zwischen Proteinbiosynthese und sämtlichen Zellprozessen gibt. Diese traditionelle Sicht widerspricht damit nicht nur den tatsächlichen biologischen Gegebenheiten in einer Zelle, sie macht es darüber hinaus auch unmöglich, Zellschwachstellen klar einzugrenzen.

 

Eine korrekte Modelldarstellung von Zellprozessen wäre demnach folgende:

Transkription Gen A  →  mRNA A  →  Translation  →  Peptid A  →  Zellprozess A

Transkription Gen B  →  mRNA B  →  Translation  →  Peptid B  →  Zellprozess B

Transkription Gen C  →  mRNA C  →  Translation  →  Peptid C  →  Zellprozess C

Transkription Gen D  →  mRNA D  →  Translation  →  Peptid D  →  Zellprozess D

...

...

Transkription Gen X  →  mRNA X  →  Translation  →  Peptid X  →  Zellprozess X

 

Mit dieser Sichtweise erhält die Proteinbiosynthese den ihr zustehenden höchsten Stellenwert des Zellstoffwechsels.

 

 

Die Bedeutung der Substanzen: DNA, mRNA, Peptide und Faktoren

 

Nach dieser prozessorientierten Analyse werden sämtliche Substanzen und Substanzengruppen analysiert, die ebenfalls Bestandteile des Prozessmodells sind:

 

 

 

Die beiden erstgenannten Substanzen, die Nukleinsäuren Zell‑DNA und mRNA, üben während des Proteinbiosyntheseprozesses eine rein passive Informationsübertragungsfunktion aus.

 

Gleichwohl können sie während der Prozesse Schaden erleiden. Beispielsweise unterliegt die Zell‑DNA einer somatischen Mutationsgefahr. Somatische Mutationen sind ‑ meist unerwünschte ‑ Veränderungen von DNA‑Basensequenzen oder ganzen Chromosomen in einer Zelle.

 

Die verbleibenden neun Substanzen bzw. Substanzengruppen der Peptide und Faktoren gehören im Gegensatz zur Zell‑DNA und mRNA zu den aktiven Akteuren der Prozesse und stellen die Treiber des Zellgeschehens dar:

Peptide + acht Faktoren/Faktorengruppen => Zellprozesse

 

Damit besteht eine faktische Deckungsgleichheit von neun Substanzen bzw. Substanzengruppen mit den Zellprozessen, was als Kongruënz bezeichnet wird: Zellprozesse basieren ausschließlich auf der Existenz dieser neun Substanzen/-gruppen. Bei Anwesenheit dieser Substanzen in den benötigten Mengen und korrekten Formen entfalten sich die Zellprozesse automatisch fehlerfrei.

 

Ein Blick auf das Prozessmodell zeigt weiter, dass Peptide durch das Zusammenspiel der Faktoren während der Proteinbiosynthese entstehen. Daher müssen sie nicht mehr Bestandteile der Kongruënzannahme sein, sie werden ‑ mathematisch ausgedrückt ‑ „gekürzt“. Eine andere Argumentation basiert darauf, die Peptide als Endprodukte des Hauptprozesses aufzufassen. In diesem Falle sind sie schon Bestandteile der rechten Prozessseite der Kausalbeziehung, vergleichbar mit Zell‑DNA und mRNA, was aber zum gleichen Ergebnis führt. Die Kausalbeziehung vereinfacht sich zu:

Acht Faktoren/Faktorengruppen => Zellprozesse

 

Sämtliche Zellprozesse basieren damit ausschließlich auf der Existenz von acht Faktoren/Faktorengruppen, was auch als mathematische Funktion ausgedrückt werden kann:

Zellprozesse = f (Faktoren/Faktorengruppen)

 

Nur wenn eine Zelle ausreichend über alle sieben stoffwechselaktiven Faktoren auf Grundlage einer fehlerfreien ursprünglichen Erbinformation als achtem Faktor verfügt, ist die korrekte Synthese aller Enzyme und Proteine und damit auch der optimale Ablauf aller Prozesse gewährleistet.

 

Wenn aber Faktoren für Zellprozesse verantwortlich sind, müssen sie zwangsläufig im Falle von Fehlversorgungen jedweder Art auch für Zellprozessfehler (mit‑)verantwortlich sein:

Zellprozessfehler = f (Fehlerhafte Faktoren/Faktorengruppen)

 

Acht Faktoren(-gruppen) ergeben somit acht Zellschwachstellen, die jeweils durch Faktorenmängel bzw. Faktorenmangelversorgung charakterisiert sind:

 

  1. Störungen der Aminosäurenversorgung
  2. Fehler auf der ursprünglichen Erbinformation
  3. Störungen der Kohlenhydrate- bzw. Glukoseversorgung
  4. Störungen der Versorgung mit Mikronährstoffen
  5. Störungen der Versorgung mit Lipiden und Lipoïden
  6. Störungen der Synthese nicht‑codierender Ribonukleinsäuren (ncRNA)
  7. Störungen der Sauerstoffversorgung
  8. Störungen der Wasserversorgung

 

 

 

Postulat der Dominanz der Kausalfaktoren über alle Zellprozesse

 

Die ursprüngliche Kongruënzannahme, die acht Faktoren und Peptide umfasst, kann jetzt um die Gruppe der Peptide reduziert werden. Es besteht eine Kongruënz schon zwischen acht Faktoren und sämtlichen Prozessen. Das wird als Postulat der Dominanz der Faktoren über die Prozesse oder kurz als Dominanzpostulat bezeichnet.

 

Aufgrund des dominanten und kausalen Charakters der Faktoren und ihres Potentials, Hauptprozess (obere Prozessebene) und Nachfolgeprozesse (untere Prozessebene) zu stören, werden die acht Faktoren bzw. Faktorengruppen als Kausalfaktoren bezeichnet:

Zellprozesse = f (Kausalfaktoren)

 

 

Übertragungs- und Codierungsfehler von DNA und mRNA

 

Neben acht Zellschwachstellen drohen einer Zelle jedoch auch Gefahren durch schadhafte Veränderungen an der DNA‑Vorlage oder mRNA, was weiter oben schon kurz angedeutet wurde, in der Analyse aber noch zu berücksichtigen ist.

 

Es stellen sich drei Fragen, insbesondere die letzte Frage ist hier von Bedeutung:

  1. Wie entstehen Nukleinsäureveränderungen?
  2. Welche Konsequenzen haben Nukleinsäureveränderungen?
  3. Welche Zusammenhänge gibt es zwischen Nukleinsäureveränderungen und Kausalfaktoren?

 

DNA- oder mRNA-Veränderungen können Folgen von Codierungsfehlern während einer Informationsübertragung sein: von DNA auf DNA bei der Replikation, von DNA auf mRNA bei der Transkription und von mRNA auf Peptide während der Translation. Ebenfalls entstehen DNA‑Fehler auch unabhängig von der Informationsübertragung aufgrund anderer zellphysiologischer Vorgänge. Vergleichbares gilt auch für größere Chromosomenschäden.

 

Entscheidend sind aber ausschließlich Veränderungen von Gen‑ oder ncRNA‑Codes an der DNA‑Vorlage, denn nur sie haben das Potential, sich dauerhaft zu manifestieren und den Zellstoffwechsel langfristig zu schädigen. Die Problematik von mRNA-Schäden aufgrund physiologischer Vorgänge oder der Informationsübertragung spielt im Zellprozessmodell daher keine Rolle.

 

Zellen verfügen über verschiedene DNA‑Reparaturverfahren. Scheitert eine DNA‑Reparatur, werden die nun beständigen DNA‑Veränderungen als somatische Mutationen bezeichnet. Somatische Mutationen können die Proteinbiosynthese negativ beeinflussen, indem sie dauerhaft zu schädlichen ncRNA- und Peptidveränderungen auch in den nachfolgenden Tochterzellen führen.

 

DNA‑Reparaturprozesse sind ‑ wie alle anderen Prozesse auch ‑ von der Qualität und Verfügbarkeit der Kausalfaktoren abhängig (→ Dominanzpostulat). Damit werden Art und Anzahl der DNA‑Mutationen zellphysiologisch von Kausalfaktoren bzw. ihren Mängeln bestimmt: Die besondere Rolle der Kausalfaktoren bleibt erhalten.

 

Zwar existiert mit der DNA und der Gefahr somatischer Mutationen eine weitere, neunte Zellschwachstelle. Die Kausalfaktoren bleiben aber weiterhin die entscheidenden und damit auch problematischen Zellsubstanzen.

 

 

Bewertung der Kausalfaktoren hinsichtlich ihres zellphysiologischen Störungspotentials

 

Im letzten Schritt wird das Fehlerverursacherpotential bzw. die allgemeine zellphysiologische Relevanz jedes Kausalfaktors bestimmt, für Prozessstörungen potentiell verantwortlich oder mitverantwortlich zu sein.

 

Bisher liegt ja nur die Erkenntnis vor, dass hauptsächlich Probleme mit acht Kausalfaktoren Zellprozessstörungen verantworten. Diese Erkenntnis ist zwar richtig und wichtig, hilft aber praktisch nicht weiter, da es sich um eine unüberschaubare Menge unterschiedlicher Einzelsubstanzen handelt.

 

Auf den ersten Blick erscheinen alle acht Kausalfaktoren gleich wichtig und unverzichtbar. Bestimmte Kausalfaktoren müssen jedoch im Vergleich mit anderen Kausalfaktoren bedeutender sein, da sie im Gegensatz zu diesen an besonders sensiblen Stellen in der Zelle aktiv sind.

 

Die Bestimmung der zellphysiologischen Relevanz erfolgt mit Hilfe von Ursachen-Wirkungs-Analysen und anhand geeigneter Relevanzkriterien. Aufgrund einer von der Außenwelt isolierten Analyse handelt sich um eine allgemein-abstrakte Bewertung. Es werden weder bestimmte Zelltypen, Erkrankungen, Veränderungen oder irgendwelche sonstigen Einflüsse von außerhalb berücksichtigt.

 

Es ergeben sich für Kausalfaktoren vier Relevanzklassen:


  1. Keine zellphysiologische Relevanz (nur formale Relevanz, im Modell nicht relevant)

  2. Geringe zellphysiologische Relevanz von Aminosäuren, Mikronährstoffen, Lipiden/Lipoïden und Wasser

  3. Mittlere zellphysiologische Relevanz von ursprünglicher Erbinformation, Kohlenhydraten/Glukose und Sauerstoff

  4. Hohe zellphysiologische Relevanz nicht-codierender Ribonukleinsäuren

 

 

 

Die besondere Rolle nicht-codierender Ribonukleinsäuren

 

Alle Kausalfaktoren können einer der Relevanzklasse 2, 3 oder 4 zugeordnet werden.

 

Einzig die Kausalfaktorgruppe der nicht-codierenden Ribonukleinsäuren (ncRNA) erreicht die höchste Relevanzklasse 4. Bei Zellprozessstörungen ist daher nicht nur von einer hohen Wahrscheinlichkeit ihrer Mitbeteiligung auszugehen, sondern auch davon, dass sie absolut gesehen das größte Störpotential aller dysfunktionalen Kausalfaktoren haben.

 

Beides liegt unter anderem an deren großer Bedeutung für eine funktionierende Proteinbiosynthese und dem Umstand, dass die Gruppe der ncRNA als einzige unter den stoffwechselaktiven Kausalfaktoren auf der DNA codiert sind und damit ausnahmslos in der Zelle selber synthetisiert werden. Damit sind nur sie sowohl durch Mutationen der ursprünglichen elterlichen Erbinformation als auch durch somatische DNA‑Mutationen gefährdet.

 

 

 

Kapitel 4 A  –  Multikausale Theorie - Potentielle Zellschwachstellen und Affektive Störungen

Kapitel 4 zeigt Verbindungen und Konsequenzen zwischen dem kausaltheoretischen Szenario (→ Kapitel 1) und den Ergebnissen der Kapitel 2 und 3: Wie ist es möglich, dass neun Zellschwachstellen (Teil A) und exogene (Umwelt-)Einflüsse bzw. exogene Stressoren/Noxen (Teil B) in einer Affektstörung münden?

 

Nach der Ermittlung der allgemeinen Relevanz in Kapitel 3 steht damit die spezielle Relevanz der Zellschwachstellen bzw. Umwelteinflüsse im Zusammenhang mit Affektstörungen im Vordergrund. Nerven- und Gliazellen werden von außen und innen mit verschiedenen Kausalfaktoren versorgt und sind auf vielfältige Weise mit ihrer Umwelt verbunden und von ihr abhängig. Darin liegt eine Gefahr, denn es drohen vielerlei potentiell schädigende Einflüsse.

 

Die Analyse erfolgt auf der Grundlage hier erörterter Thesen und Modelle. Falls möglich und sinnvoll werden empirische Untersuchungen, Forschungsergebnisse, weitere Theorien oder Erkenntnisse der Erfahrungsmedizin berücksichtigt. Da eine große Anzahl von Noxen in die Untersuchungen einbezogen werden, zwischen denen es manchmal Zusammenhänge gibt und die sich gegenseitig beeinflussen, können redundante Darstellungen nicht immer vermieden werden.

 

Die Darstellungen in Kapitel 4 sind umfangbedingt zweigeteilt. Teil 4 A beschäftigt sich mit den Folgen von neun Zellschwachstellen, während Teil 4 B sich den restlichen von außen einwirkenden psychosozialen, abiotischen und biotischen Noxen widmet.

 

In Teil 4 A erfolgt zunächst die Darstellung der Konsequenzen von DNA‑Mutationen, danach werden Ursachen und Folgen dysfunktionaler Kausalfaktoren erörtert. Die Kausalfaktoren werden in der Reihenfolge ihrer allgemeinen zellphysiologischen Relevanz diskutiert, wobei mit den geringrelevanten Faktoren begonnen wird:


 

 

 

 

Kapitel 4 B  –  Multikausale Theorie - Potentielle exogene Noxen

Im Teil 4 B werden die Zusammenhänge zwischen Affektstörungen und folgenden Noxen erörtert:


  1. Psychosozialer Disstress und Affektstörungen (→ Abschnitt 4.12)

    Im Mittelpunkt stehen langfristiger emotionaler Stress, akuter oder permanenter Überforderungsstress und starke seelische Erschütterungen mit ihren direkt schädigenden Folgen für Nervenzellen in den für die Gehirnentwicklung entscheidenden Entwicklungsphasen bis zum 25. Lebensjahr und auch danach.


  2. Abiotische physikalisch-chemische Noxen und Affektstörungen (→ Abschnitt 4.13)

    Physikalische Phänomene stören oder schädigen den Zellstoffwechsel nachweislich oder stehen zumindest im Verdacht, das zu tun.

    So bereitet ein Mangel an UV-B-Strahlung bzw. Tageslicht Probleme, die sich negativ auf die Prozesse im Zentralnervensystem auswirken können. Die Mobilfunkstrahlung steht unter Verdacht, Schädigungen zu verursachen. Medizinisch zur Anwendung kommende Röntgenstrahlung bzw. Gamma-Strahlung sind aufgrund der von ihnen verursachten freien Radikale und reaktiven Sauerstoff-Spezies (ROS) nachweislich sehr gefährlich. Das trifft auch auf verschiedene Teilchenstrahlungen zu, die ebenfalls in der Medizin ‑ insbesondere in der Onkologie ‑ Anwendung finden. Dazu gehören Alpha- und Beta-Strahlung, sowie die Protonenstrahlung. Quellen von Alpha-, Beta- und Gammastrahlen findet man natürlicherweise auch in der Umwelt vor oder werden von Kernkraftwerken bzw. nach Kernwaffenexplosionen emittiert.

    Ein Schädel‑Hirn‑Trauma folgt einem stärkeren einmaligen Schlag oder Stoß auf das Gehirn, zum Beispiel als Unfallfolge oder in Ausübung bestimmter Sportarten wie Boxen, American Football, Eishockey oder Rugby. Häufigere kleinere Stöße auf den Kopf, die in den genannten Sportarten ebenfalls die Regel sind, haben potentiell eine degenerative Chronisch‑traumatische Enzephalopathie (CTE) zur Folge.

    Lärm steht schon lange in Verdacht, an der Entstehung psychiatrischer Erkrankungen beteiligt zu sein. Ein Grund könnte die Art und Weise der Lärmverarbeitung in Hirnregionen sein, die auch bei der Affektentstehung und -steuerung eine Rolle spielen. Auch Nachtlärm und die damit verbundenen Schlafstörungen können Affektstörungen begünstigen.

    Freie Radikale
    sind nicht nur ein Problem ionisierender Strahlen. Auch durch die endogene Zellatmung, bei der große Mengen Sauerstoff verbraucht werden, entstehen schädliche Radikale in der Form von reaktiven Sauerstoff‑Spezies (ROS), die sämtlichen Zellgeweben ‑ einschließlich der DNA ‑ langfristig gefährlich werden können.

    Gift- und Schadstoffen kann sich niemand entziehen. Sie befinden sich in der Luft, im Trinkwasser oder in der Nahrung. Viele Gifte sind neurotoxisch, insbesondere solche, die das Nervensystem tierischer Schädlinge angreifen, um diese zu töten. Dass solche Substanzen für das menschliche Nervensystem ebenfalls toxisch sein können, ist fast schon eine Binsenweisheit. Gifte und Schadstoffe dringen über die Blutbahn oder direkt über die Riechnerven in das Gehirn vor, im letzteren Fall direkt in affektrelevante Hirnareale. Auch die Belastung des Zentralnervensystems durch Mikroplastik gerät in letzter Zeit immer mehr in den Fokus der Hirnforscher und Mediziner; es gibt Anhaltspunkte, dass Mikroplastik in der Lage ist, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden.

    Suchtstoffe sind insbesondere in Hirnarealen aktiv, die für die Entstehung und Steuerung von Affekten hauptsächlich verantwortlich sind. Viele von ihnen bergen daher die Gefahr massiver Hirnschädigungen, verbunden mit psychiatrisch-neurologischen Erkrankungen. Parallel dazu stehen psychiatrische Erkrankungen im Verdacht, den Drogenkonsum zu triggern.


  3. Biologisch-medizinische Noxen und Affektstörungen (→ Abschnitt 4.14)

    - Auswirkungen verschiedener Medikamente gegen innere Erkrankungen auf Affekte und Affektstörungen
    - Neurologische Aspekte von Narkosemedikamenten und Zusammenhänge mit Affektstörungen
    - Darmerkrankungen und Affektstörungen
    - Immunsystem und Affektstörungen
    - Hormonsystem und Affektstörungen
    - Erhöhte Körpertemperatur (Fieber)
    - Bakterien und Viren
    - (...)

 

 


Die multifaktorielle Ätiopathogenese als multikausales Modell

 

Die Ergebnisse von Kapitel 4 bestätigen die multifaktorielle Ätiopathogenese auf der Grundlage eines integrierten Gesamtmodells: Jeder Mensch ist im Laufe seines Lebens verschiedenen schädlichen Noxen ausgesetzt, die sein Gehirn kontinuierlich belasten, sich ggf. akkumulieren und die in der Kausaltheorie postulierten hirnorganischen Schädigungen hervorrufen.

 

Somit steigt die Gefahr des Ausbruchs, Fortbestands oder der Verstärkung einer psychiatrischen Erkrankung, zum Beispiel einer Affektstörung, mit jeder einzelnen Noxe.

 

Die Anamnese einer Affektiven Störung und Beurteilung ihrer speziellen Entstehungsgründe muss daher im Rahmen einer individuellen Ursachensuche auf beiden Kausalebenen erfolgen und alle endogenen und exogenen Einflüsse aufgrund der besonderen Lebensgeschichte eines Patienten berücksichtigen.

 

Eine auf diesen Grundsätzen durchgeführte Anamnese ist nicht nur der Schlüssel zum Verständnis individueller Krankenhistorien, sie ist vor allem eine wichtige Grundlage zur Erarbeitung und Durchführung individuell zugeschnittener kausaler Behandlungskonzepte.

 

 

 

 

 

Kurzfassung Teil II: Kausale Therapien Affektiver Störungen

 

Im zweiten Teil werden Therapiekonzepte gegen Affekterkrankungen diskutiert, die den Anforderungen einer ursächlichen Behandlung nach den hier erarbeiteten Modellen genügen.

 

Es werden zwei Behandlungsebenen unterschieden, die sich an den beiden Kausalebenen der Modelle orientieren.

 

Auf Ebene 1 wird die Behandlung auf das dysfunktionale zellulär‑organische System fokussiert, auf Ebene 2 stehen die in Kapitel 4 diskutierten externe Einflüsse auf das zellulär-organische System im Vordergrund:

 

 

 

Beide Ebenen sind aus naheliegenden Gründen nicht strikt voneinander zu trennen, da die Versorgung mit Kausalfaktoren hauptsächlich exogenen Einflüssen unterliegt (→ Kapitel 4). Diese Zusammenhänge werden bei der Diskussion berücksichtigt.

 

Mit den Inhalten der folgenden Kapitel sind ausdrücklich keine Heilversprechen verbunden. Alle dargestellten Therapiestrategien beruhen auf den hier erarbeiteten Theorien und Modellen und bilden die Grundlage für Vorschläge künftiger Behandlungsstandards neurologisch-psychiatrischer Erkrankungen. Sie sind nicht als Anleitung zur Selbstmedikation geeignet. Bei gesundheitlichen Problemen sollte umgehend ein Arzt oder Heilpraktiker konsultiert werden.

 

Im nachfolgenden Kapitel 5 stehen zunächst etablierte symptomatische Behandlungsverfahren im Mittelpunkt.

 

 

Kapitel 5  –  Symptomatische und pseudo-kausale Therapiekonzepte

 

Symptomatische und pseudo-kausale Therapien, die lediglich auf die Beseitigung von Symptomen einer Affektiven Störung zielen, werden auf Grundlage hier erarbeiteter Thesen und Modelle analysiert.


Zunächst sind das die wichtigsten Antidepressiva:


 

 

Für einen Teil der Patienten sind diese Medikamente durchaus hilfreich, auch wenn sie die Erkrankung nicht heilen können. Bei einem großen Teil Betroffener wiederum sind sie völlig wirkungslos oder wirken nur unzureichend. Das sind vor allem Patienten, bei denen therapieresistente Affektive Störungen diagnostiziert werden. Es werden Hypothesen formuliert, welche Gründe es hierfür geben kann.

 

Aus der Gruppe symptomatischer nicht medikamentöser Behandlungen werden thematisiert:


 

 

Die Darstellung der orthomolekularen Therapie mit hoch dosierten Mikronährstoffen und Aminosäuren (ohne Antioxidantien) erfolgt ebenfalls an dieser Stelle.

 

Die orthomolekulare Therapie ist abzugrenzen von der Mikronährstoffausgleichstherapie, die nachweisbare Mikronährstoffdefizite (z. B. Vitamin B12 bei B12-Mangel) beseitigt, und der Therapie mit Antioxidantien, welche die Zahl somatischer und durch oxidativen Stress bedingte DNA‑Mutationen verringern soll. Diese werden als ursächliche Verfahren bewertet, da bei ihnen Kausalfaktoren zum Einsatz kommen (→ Kapitel 6).

 

 

 

Kapitel 6 –  Kausale versorgungsorientierte Therapiekonzepte geringer bis mittlerer Relevanz

 

Sechs der stoffwechselaktiven Kausalfaktoren werden dem Körper überwiegend über die Nahrung bzw. Atmung zugeführt. Sie haben aufgrund der hier getroffenen Bewertungen (→ Kapitel 3) bei Mangelzuständen bzw. Dysfunktionalität zellphysiologisch eine geringe Relevanz (Aminosäuren, Mikronährstoffe, Lipide/Lipoïde, Wasser) bis mittlere Relevanz (Glukose, Sauerstoff) Zellstörungen zu verursachen.

 

Dabei handelt es sich um eine Durchschnittsbewertung. Bei einzelnen Patienten kann das anders sein und hängt vor allem von den Lebensumständen ab. So beeinflussen bestimmte chronische Erkrankungen oder eine allgemeine Nahrungsmittelknappheit, zum Beispiel in Ländern der 3. Welt, die Versorgungssituation negativ und dann sind diese Kausalfaktoren für Betroffene natürlich relevanter im Vergleich zu Patienten, die von diesen Situationen nicht betroffen sind.

 

Die Einsatzmöglichkeiten und Grenzen der Verfahren werden in der Reihenfolge der durchschnittlichen Relevanz der zum Einsatz kommenden Kausalfaktoren beschrieben:

  1. Therapien bei Problemen mit Kausalfaktoren geringer Relevanz

    Diese Therapieansätze betreffen die Kausalfaktoren Aminosäuren, Mikronährstoffe, Nahrungsfette (Lipide, Lipoïde) und Wasser.

 

  1. Therapien bei Problemen mit Kausalfaktoren mittlerer Relevanz

 

 

 

 

Kapitel 7 –  Optimierung der Genregulation durch ncRNA-Substitution

 

Die Gruppe der nicht‑codierenden Ribonukleinsäuren (ncRNA) hat die höchste zellphysiologische Relevanz unter den Kausalfaktoren. Die ncRNA‑Moleküle werden nicht ‑ wie die anderen stoffwechselaktiven Kausalfaktoren ‑ über Nahrung oder Atmung zugeführt, sondern in gesunden Zellen bedarfsgerecht durch Transkription synthetisiert.

 

Die Codes der ncRNA-Moleküle befinden sich auf dem gesamten Erbgut und werden zelltypspezifisch abgelesen. Die Forschungsergebnisse der letzten Jahre belegen, dass das menschliche Erbgut hauptsächlich ncRNA-Codes enthält, während die Zahl der Gencodes, die durch Translation in Proteine und Enzyme übersetzt werden, demgegenüber vergleichsweise gering sind.

 

Bei durch ncRNA-Mangel verursachten primären Proteinbiosynthesestörungen bestehen unter den Modellannahmen Einsatzmöglichkeiten exogener ncRNA. Ebenfalls sind exogene ncRNA zur allgemeinen Aktivierung der Proteinbiosynthese geeignet.

 

Eine primär gestörte Proteinbiosynthese* ist das Resultat vor allem...

 

 

 

Mit der ncRNA-Substitution werden zwei Behandlungsziele verfolgt:

 

  1. Das Ziel, eine unzureichende ncRNA-Synthese aufgrund fehlerhafter ncRNA-Codes oder fehlerhafter Gene von ncRNA-Syntheseproteinen auszugleichen. Die Zelle verfügt somit wieder über ihre Genregulationswerkzeuge und es soll es zu einer Normalisierung der Genregulation und Proteinbiosynthese kommen, so dass sich aus dem Ruder gelaufene Prozesse auf nachfolgenden Zellprozessebenen wieder normalisieren.

  2. Mit einer allgemeinen Aktivierung der Proteinbiosynthese wird das Ziel verfolgt, Funktions- oder Gewebeschäden an Nerven- und Gliazellen oder Gefäßen aufgrund sonstiger oder unklarer bzw. multifaktorieller Ursachen zu beseitigen.

 

 

Die Strategie der ncRNA-Substitutionstherapie kann allegorisch mit dem Bild von der Paste beschrieben werden, die in der Tube bleiben muss, weil man sie nicht mehr dorthin zurückbekommt. So schafft eine durch Genregulationsfehler primär gestörte Proteinbiosynthese unzählige Probleme auf der unteren Zellprozessebene, die von dort aus nachträglich nicht mehr oder maximal unzulänglich korrigiert werden können. Daher muss dafür Sorge getragen werden, dass die übergeordnete Proteinbiosynthese optimal durchgeführt wird, und die „Paste in der Tube bleibt“. Dagegen wird mit den meisten konventionellen Therapiekonzepten versucht, durch Interventionen auf der unteren Prozessebene die „Paste wieder in die Tube zu drücken“, was aber nicht gelingen kann.

 

Einen sehr anschaulichen Vergleich ermöglicht darüber hinaus Plutarch mit seiner Geschichte der Auflösung des Gordischen Knotens. Die Substitution zelltypspezifischer RNA löst den Knoten komplexer und vielzahliger Zellprozessprobleme der unteren Zellprozessebene, indem sie - mit Unterstützung der restlichen Kausalfaktoren - die fehlerhafte Genregulation der oberen Zellprozessebene normalisiert. Sie schafft so die Voraussetzungen, dass sich sämtliche der Proteinbiosynthese nachfolgenden Zellprozesse ebenfalls wieder normalisieren. Das aus einer Vielzahl von Zellen bestehende erkrankte Organ erhält die Voraussetzungen zu einer wesentlichen oder sogar vollständigen Regeneration, da alle unterschiedlichen Organzelltypen mit den fehlenden zellspezifischen RNA versorgt werden.

 

 

Individueller Einsatz exogener ncRNA

 

Auswahl und Einsatz exogener ncRNA sind genau auf den Patientenbedarf abzustimmen, wobei mehrere Fragestellungen berücksichtigt werden müssen:

 

 

 

 

 

Kapitel 8  –  Verringerung oder Beseitigung physisch-psychischer Stressfaktoren

 

Im letzten Kapitel von Teil II geht es um Strategien gegen chronisch‑somatische Grunderkrankungen bzw. schädliche Umweltbedingungen mit ihren negativen Auswirkungen auf das Zentralnervensystem. Das Gleiche gilt für alle anderen ungünstigen Lebenssituationen, die (Dauer‑)Stress zur Folge haben, zum Beispiel psychische Belastungen oder ein toxisches soziales bzw. familiäres Umfeld. Alle diese Einflüsse haben das Potential, eine Affekterkrankung auszulösen oder zu verstärken (→ Kapitel 4) und behindern den Genesungsprozess.

 

Chronische Erkrankungen des Körpers müssen hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf das Gehirn bewertet und behandelt werden. Dafür ist ‑ neben herkömmlichen Behandlungsmethoden ‑ auch der (zusätzliche) therapeutische Einsatz zur Verfügung stehender Kausalfaktoren in Betracht zu ziehen, was insbesondere für exogene ncRNA gilt. Letztere vor allem dann, wenn die Erkrankung auf konservativem Wege nur schwer in den Griff zu bekommen ist. Eine ausführliche Darstellung würde den Rahmen dieser Publikation sprengen, so dass sie nur knapp erfolgt und an anderer Stelle fortgesetzt werden muss.

 

Darüber hinaus sind Situationen zu vermeiden, in denen sich ein Patient ständig erkrankungsverursachenden Situationen aussetzt. Dazu gehört beispielsweise auch die Beseitigung von Lichtmangel oder die Beendigung eines Missbrauchs psychotroper Substanzen.

 

Zielorientierte tiefenpsychologisch orientierte Psychotherapien und Verhaltenstherapien sollen Hilfestellungen im Alltag bieten. Mit ihrer Hilfe werden psychosoziale Stressfaktoren identifiziert und dem Patienten Vermeidungsstrategien eröffnet. Zusammen mit dem Einsatz von Entspannungstechniken soll auf diese Weise emotionaler und somatischer Stress reduziert werden.

 

Die wichtigsten Psychotherapie- und Entspannungsverfahren werden hinsichtlich beider Geschichtspunkte beschrieben und bewertet:


 

 

 

 

 

 

Kurzfassung Teil III: Eine allgemeine Theorie und Therapie zentralnervöser Erkrankungen

 

Im dritten und letzten Teil (Kapitel 9 und 10) wird geprüft, ob die bisher erarbeiteten Modelle auf andere Nervenerkrankungen übertragbar sind.

 

Das Resultat ist nicht überraschend: Fast alle zentralnervösen Erkrankungen beruhen auf pathologischen zellulär-molekularen Mechanismen, die auch für Affektstörungen charakteristisch sind.

 

Diese Einsicht ermöglicht es nun, die schon gegen Affektstörungen erörterten Behandlungsstrategien auch im Zusammenhang mit anderen zentralnervösen Erkrankungen zu diskutieren.

 

 

Kapitel 9  –  Ursachen und kausale Therapien verschiedener zentralnervöser Erkrankungen

Die Modelle und Erkenntnisse aus der Analyse Affektiver Störungen bilden die Grundlagen für eine Kurzanalyse anderer neurologisch-psychiatrischer Erkrankungen und für die Diskussion kausaler Behandlungsmöglichkeiten.

 

Dabei geht es nicht nur um Heilung. Viele mit Oligophrenien oder sonstigen neurologischen Ausfällen einhergehende Erkrankungen, beispielsweise Trisomien oder Autismus, sind nicht heilbar im engeren Sinn. Jedoch kann die Substitution vor allem proteinsynthesesteuernder RNA dabei helfen, neurologische Symptome zu verringern durch eine gezielte Unterstützung bei Entwicklung und Optimierung des zentralen Nervensystems im Sinne einer neurologisch-kognitiven Rehabilitation.

 

Die Überlegungen werden anhand einer an die jeweilige Erkrankung modifizierten Kausaltheorie durchgeführt, die sowohl die Mikro- als auch Makrobetrachtung und das 3-Stufen-Modell betreffen. Endogene und exogene Einflüsse werden berücksichtigt und bewertet im Sinne einer multikausalen Erweiterung.

 

Es geht um folgende neurodegenerativen Erkrankungen mit Schwerpunkten auf Demenz, Epilepsie, Morbus Parkinson, HOPS, Schizophrenie und dem Tourettesyndrom. Ein weiterer Aspekt sind neurologische Erkrankungen, die primär genetischen Ursprungs sind oder bei denen dies vermutet wird, beispielsweise Chorea Huntington, um die Möglichkeiten einer Optimierung oder Rehabilitation durch ncRNA-Substitution zu diskutieren:

 

  1.   Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)
  2.   Angsterkrankungen
  3.   Anorexia nervosa (Magersucht)
  4.   Apallisches Syndrom (neurologische Rehabilitation)
  5.   Apoplex (neurologische Rehabilitation) und vorbeugend bei Transitorischen ischämischen Attacken (TIA)
  6.   Asperger-Syndrom und Autismus
  7.   Athetose
  8.   Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADHS)
  9.   Borderline-Syndrom
  10.  Borreliose (neurologische Rehabilitation)
  11.  Burnout-Syndrom
  12.  Cerebrale Hypoxie (neurologisch-kognitive Rehabilitation)
  13.  Cerebralparese (neurologisch-kognitive Rehabilitation)
  14.  Chorea Huntington (neurologische Rehabilitation)
  15.  Chronisches Erschöpfungssyndrom
  16.  Chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE)
  17.  Demenzen unterschiedlicher Genese
  18.  Deprivationssyndrom
  19.  Infektbedingte Enzephalopathien, beispielsweise nach Viren- oder Bakterieninfekten (z. B. Long-Covid)
  20.  Epilepsie bzw. epileptische Anfälle
  21.  Frontotemporale Demenz FTD (→ Morbus Pick)
  22.  Hirndurchblutungsstörungen
  23.  Hirnorganisches Psychosyndrom (neurologisch-kognitive Rehabilitation)
  24.  Hyperkinesen, zum Beispiel Athetose oder Ballismus (neurologische Rehabilitation)
  25.  Intelligenzminderungen (→ Oligophrenien)
  26.  Morbus Parkinson und Parkinsonismus bzw. Parkinson-Syndrome
  27.  Morbus Pick/Pick-Demenz (Frontotemporale Demenz)
  28.  Multiple Sklerose
  29.  Narkolepsie
  30.  Nervengiftschädigungen (neurologisch-kognitive Rehabilitation)
  31.  Neurokognitive viralbedingte Defizitsyndrome, z. B. HIV- oder Epstein-Barr-assoziiert
  32.  Oligophrenien und neurologisch-kognitive Rehabilitation, z. B. bei Down-Syndrom, FAS
  33.  Persönlichkeitsstörungen, z. B. narzistische Persönlichkeitsstörung
  34.  Poliomyelitis (neurologische Rehabilitation)
  35.  Postoperatives Delir, auch mit Langzeitsymptomatik („Durchgangssyndrom“)
  36.  Posttraumatische Belastungsstörung
  37.  Prader-Willi-Syndrom (neurologisch-kognitive Rehabilitation)
  38.  Rückenmarksverletzungen (neurologische Rehabilitation)
  39.  Schädel-Hirn-Trauma (neurologisch-kognitive Rehabilitation)
  40.  Schizophrenie und Psychosen
  41.  Schmerzzustände unklarer Genese
  42.  Strahlenschädigungen des Hirngewebes (neurologisch-kognitive Rehabilitation)
  43.  Substanzenbezogene Suchterkrankungen (neurologische Rehabilitation)
  44.  Tourettesyndrom und motorische bzw. mentale Tics (neurologische Rehabilitation)
  45.  Tumorerkrankungen des Gehirns (neurologische Rehabilitation)
  46.  Zwangserkrankungen einschließlich Essstörungen

 

 

 

 

Kapitel 10  –  Die zukünftige Therapie zentralnervöser Erkrankungen

In der regenerativen Medizin der Zukunft werden molekulardiagnostische und molekulartherapeutische Verfahren immer wichtiger.

 

Auf Grundlage der hier diskutierten Modelle müssen bei degenerativen Erkrankungen des Nervensystems auf der zellphysiologischen Ebene alle proteinsynthetisierenden Vorgänge normalisiert werden. Aber auch gegen Nervenerkrankungen, die auf anderen bzw. unbekannten Ursachen beruhen, ist die Optimierung bzw. Aktivierung der Proteinbiosynthese eine Behandlungsoption.

 

Dabei ist gemäß den Modellen ein konzertierter Einsatz von sieben Kausalfaktoren entscheidend; aufgrund ihrer hohen Relevanz gilt das besonders für die proteinsynthesemodulierenden ncRNA, die zelltypspezifisch substituiert werden müssen.

 

Aufgrund der hohen Relevanz zelltypspezifischer ncRNA muss deren Anwendung auch in der medizinischen Rehabilitation schwerer neurologischer Erkrankungen zukünftig bedeutsam sein.

 

Zelltypspezifische ncRNA sind aber auch in der medizinischen Prophylaxe sinnvoll. Ziel dabei ist die Verminderung der Wahrscheinlichkeit eines Ausbruchs degenerativer neurologischer Erkrankungen oder zumindest dessen Verzögerung bei gefährdeten Personen, beispielsweise solchen, die aufgrund familiär-erblicher Faktoren ein höheres Erkrankungsrisiko in sich bergen.

 

Wenn man mit diesen Maßnahmen die steigende Zahl demenzieller und anderer degenerativer Nervenerkrankungen in Zukunft wesentlich reduzieren könnte und damit auch die Lebensqualität großer Bevölkerungsteile verbessert, ergäbe sich daraus auch eine Reduzierung der immensen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kosten derartiger Erkrankungen.

 

Politik, Forschung, Medizin und Industrie sollten sich damit ernsthaft auseinandersetzen, wollen sie ihrem Auftrag gerecht werden, zur Gesunderhaltung der Bevölkerung beizutragen.

 

In Kapitel 10 werden Strategien für eine breite Anwendung hier vorgestellter molekularer Verfahren und Substanzen diskutiert. Das betrifft vor allem folgende Bereiche bzw. Themen: